OK, noch mal und ohne jemanden speziell zu zitieren:
Ich wuchs im Osten auf und habe deshalb vielleicht nicht alles miterlebt, was im Westen unter "68er" verstanden wird. So ist mir der Name Cohn-Bendit nur theoretisch ein Begriff, d. h., ich weiß nicht mal, wer dieser Mensch war und wer er jetzt ist. Vielleicht hat er ein Buch geschrieben, das ich niemals gelesen habe. Nicht mal vom Fernsehen her kenne ich ihn.
Für mich bedeutet "Wert der 68er" z. B.: "Stell dir vor, es ist Krieg und niemand geht hin!" Weiterhin meine ich, dass sie die darauffolgende Gesellschaft und Politik sehr stark beeinflusst haben, z. B. Willy Brandt ("Lasst uns mehr Demokratie wagen!"). Ohne Willy Brandt wäre es niemals zum Tauwetter in Richtung Osten gekommen, wäre der "Kalte Krieg" nie entschärft worden. (Nehmen wir mal an, all das sei von Skull & Bones längst vorher geplant worden, auch die beiden Kriege, was durchaus möglich ist. Soll denn auch die "Kriegslustlosigkeit" geplant worden sein, so, ja? Da hätten sie sich aber in ihr eigenes Fleisch geschnitten, denn sie brauchen anscheinend noch heute viele Leute, die mit "Hurra!" in den Krieg ziehen... Da hört bei mir die Verschwörungslogik auf, ich denke, sie haben nicht alles, vor allem den Wertewandel, nicht so planen können, er hat sie ja schon im Vietnamkrieg gestört.)
Um das mit dem Krieg insgesamt deutlicher zu machen: Im Deutschland der 30er Jahre wurden Lieder gesungen über den "Heldentod im Feld" u. ä. Der "Heldentod" im Krieg war also ein Wert, bedeutete Ehre usw. Nach 68 undenkbar! Da galt es als Irrsinn, den "Heldentod" sterben zu wollen. (Ein extremer innerer Wandel einer gesellschaftlichen Wertvorstellung, und nie zuvor gab es so viele Wehrdienstverweiger (auch im Osten!) wie in den 70er und 80er Jahren! Man mag über extremen Pazifismus diskutieren, von dem ich auch nichts halte, aber nach allem, was vorher war, glaube ich, war es ein gewaltiger Fortschritt, dass die meisten jungen Männer keine Lust mehr auf Krieg hatten, auf Armee überhaupt!!! Denn das System der Armee entmenscht schlechthin, weil es zu Kadavergehorsam und zur Abstellung des selbstständigen Denkens erzieht, und wir haben Armeen seit Urzeiten!)
Weiterhin verbinde ich mit den 68ern den Namen Fridtjof Capra mit seinem berühmten Buch "Wendezeit", in dem er alle Probleme der gegenwärtigen Menschheit auf eines zurückführt, auf ein inneres, spirituelles. Und das, obwohl er "nur" Physiker ist! Ich las es erst viel später und war schwer begeistert! Wie wollen wir außen Frieden machen, wenn wir ihn in uns selbst nicht finden?
Ein weiterer Punkt: OSHO! Auch seine Reden las ich viel später, da lebte er schon längst nicht mehr. Aber es waren meine eigenen Gedanken, die da standen, nur hätte ich mir eine ganze Menge davon früher nicht zu äußern getraut.
Ein weiterer Punkt des Jahres 68: Die Ermordung Martin Luther Kings! Die Kraft, die die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen in den USA gewonnen hatte! Auch sie mussten nun ernst genommen werden.
Dann: Der Prager Frühling!
Und zu guter Letzt: Die Musik, die ich heute noch liebe! Die Musik meiner Generation, Musik, die richtig Rhythmus hatte! - Nichts gegen Klassik, aber sie bedient die oberen Bereiche des Menschen, vom Herz an aufwärts, also den Hals, das Ausdruckszentrum, bis zum Scheitel, dem spirituellen Zentrum! Sie ist noch nicht wirklich geerdet, nicht verankert in dieser Welt. Sie brauchte einen Ausgleich. Die Verankerung aber, das Erdige, das Körperliche, was in den unteren Bereichen (im "Schritt", im Nabel, im Bauch) zu Hause ist, diese Arbeit machte der Rock'n'Roll, der Beat, der Blues, die Musik, die von den Schwarzen kam. Und die denen, die mit dem "allzu Menschlichen" nicht ganz so sehr konfrontiert werden wollten, suspekt war. Und z. T. noch suspekt ist, bis heute. Man lese - nebenbei bemerkt - mal Hermann Hesse, DER STEPPENWOLF. Überhaupt ist Hermann Hesse der Dichter der 68er in meinen Augen, der eigentlich auf das, was in dieser Hinsicht "Werte" genannt werden kann, einen besonderen Blickwinkel lenkt.
Es ist interessant, dass auch das Bedingungslose Grundeinkommen als dekadent betrachtet wird, obwohl es schon vor langer Zeit von berühmten Leuten angedacht wurde. Die erste größere Abhandlung über diese Idee stammt von Thomas Paine, einem der Gründerväter der USA. Goethe kannte diese Idee und liebäugelte mit ihr, Einstein hielt sie für revolutionär, aber schwer machbar.
Es gibt viele Diskussionen darüber im Internet und eines ist immer wieder zu beobachten: Wer das Gefühl hat, dabei viel zu verlieren, ist dagegen. Wer davon frei sein kann, dafür. Die meisten aber sind schlecht informiert und wissen nicht, dass es nicht einfach um ein Grundeinkommen geht, sondern darum, den Geldfluss vollkommen umzustrukturieren und das Zinssystem zu kappen. Von der Steuer bliebe nur noch die Mehrwertsteuer übrig und die würde ganz anders berechnet werden.
Wer nur das Grundeinkommen hat, kommt über die Runden. Wer etwas mehr tut und mehr einnimmt, kann l e b e n. Die Idee: Es soll leichter gemacht werden, eine ungeliebte Arbeit - bei der man nichts wirklich Gutes tun kann - zu verlassen, um einer geliebten nachzugehen. Es soll leichter gemacht werden, sich zu trauen, das zu tun, wozu man geboren ist, also der eigenen BERUFUNG zu folgen. Extrem viel Potential würde frei, das jetzt noch in Lohnsklaverei - aus Angst auszusteigen - festhängt.
Wem es Erfüllung bedeutet, nichts zu tun, mag dann vielleicht nichts tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemandem auf Dauer Erfüllung bereitet, nichts zu tun. Sich sinnvoll einzubringen, ist ein nahezu lebensnotwendiges BEDÜRFNIS, es gehört zu den sogenannten "sozialen Bedürfnissen" des Menschen. Diejenigen, denen es abhanden gekommen ist, sind psychisch oder physisch krank oder beides. Und davon hat auch das jetzige System genug. (Wer jetzt sein Hartz IV bloß versäuft, wird auch das Grundeinkommen versaufen, daran besteht kein Zweifel. Nur könnte viel, viel Verwaltung gespart werden...)
Wer glaubt, das Grundeinkommen erziehe zur Faulheit, kennt den Menschen nicht wirklich. Ich räume nur ein, dass es für viele eine Weile dauern kann, bis sie herausgefunden haben, was sie tatsächlich wollen. Es zeigt sich, dass viele Menschen auch heute schon mit der Freiheit überfordert sind, die sie tatsächlich haben.
Aber so, wie man in der Erziehung die Entwicklung durch Lob fördert und durch Kritik bremst, so fördert man in der Wirtschaft die Entwicklung durch Motivation und bremst sie durch Angst.
Das für viele aber Schlimmste ist: Es gibt keine äußere Möglichkeit mehr, einen Menschen auszubeuten, ihn zu einem willigen Sklaven zu machen. Darin besteht die Angst der Eliten.
Was an all diesen Überlegungen ist nun "dekadent"?
Herzliche Grüße,
nanabozho