?ICH BIN EIN MEDIZINMANN - ein wicasa wakan. Medizinmann das ist ein Wort, das die Wei?en erfunden haben. Ich w?nschte, es g?be ein besseres Wort, um auszudr?cken, was ?Medizinmann" f?r uns bedeutet, aber ich finde keines und du auch nicht, und so m?ssen wir uns wohl damit zufrieden geben. Ein wicasa wakan muss viel und oft mit sich allein sein. Er will weg von der Menge, weg von den kleinen, allt?glichen Dingen. Er liebt es zu meditieren, sich an einen Baum oder an einen Felsen zu lehnen und zu f?hlen, wie sich die Erde unter ihm bewegt und wie ?ber ihm das Gewicht des weiten flammenden Himmels lastet. Auf diese Weise lernt er zu verstehen. Er schlie?t die Augen und beginnt klarer zu sehen. Was du mit geschlossenen Augen siehst, das z?hlt. Der wicasa wakan liebt die Stille, er h?llt sich in sie ein, wie in eine Decke - eine Stille, die nicht schweigt, die ihn mit ihrer donnergleichen Stimme vieles lehrt. Solch ein Mann liebt es, an einem Ort zu sein, wo er nur das Summen der Insekten h?rt. Er sitzt, das Gesicht gegen Westen, und bittet um Beistand. Er redet mit den Pflanzen, und sie antworten ihm. Er lauscht den Stimmen der wama kaskan - der Tiere. Er wird einer von ihnen. Von allen Lebewesen flie?t etwas in ihn ein, und auch von ihm str?mt etwas aus. Ich wei? nicht, was und wie, aber es ist so. Ich habe es erlebt. Ein Medizinmann muss der Erde angeh?ren, muss die Natur lesen k?nnen wie ein wei?er Mann ein Buch.
ALLES, WAS IHR ESST, wird in eine Plastikh?lle gepackt, ist sauber zerteilt und vorbereitet f?r die Pfanne, hat keinen Geschmack und erweckt in euch keine Schuldgef?hle. Wenn ihr eure Pelz- oder Lederm?ntel tragt, wollt ihr nicht daran erinnert werden, wie viel Blut und Schmerz sie gekostet haben. Wenn wir einen B?ffel t?teten, dann wussten wir, was wir taten. Wir baten seinen Geist um Vergebung und sagten ihm, warum wir es tun mussten. Wir ehrten mit einem Gebet die Gebeine derer, die uns ihr Fleisch als Nahrung gaben, wir beteten, dass sie wiederkommen sollten, wir beteten f?r das Leben unserer Br?der, des B?ffelvolkes, genauso wie f?r unser eigenes Volk. F?r uns ist alles Leben heilig. Der Staat Dakota hat eigene Beamte f?r die Sch?dlingsbek?mpfung. Sie setzen sich in ein Flugzeug und erschie?en die Kojoten von der Luft aus. Sie f?hren Buch dar?ber, jeder tote Kojote wird in ihr Notizheft eingetragen. Die Vieh- und Schafz?chter bezahlen sie daf?r. Kojoten ern?hren sich von Nagetieren, von Feldm?usen und anderem kleinem Getier. Gelegentlich fressen sie ein Schaf, das sich verlaufen hat. Sie sind die nat?rlichen Abfallverwerter, sie s?ubern das Land von allem, was faulig ist und stinkt. Wer sich die M?he macht und sie z?hmt, f?r den sind sie gute Spielgef?hrten. Doch wenn sie am Leben bleiben, haben einige Leute Angst, ein paar Cent zu verlieren - und deshalb t?tet man sie vom Flugzeug aus. Die Kojoten waren in diesem Land, bevor die Schafe hierher kamen, aber sie sind euch im Weg, denn ihr k?nnt aus ihnen keinen Profit schlagen. Mehr und mehr Tiere sterben aus. Die Tiere, die der Gro?e Geist in dieses Land gesetzt hat, m?ssen fort. Nur die Haustiere, nur die vom Menschen gez?chteten Tiere d?rfen leben - zumindest so lange, bis man sie in den Schlachthof treibt. Dieser entsetzliche Hochmut des wei?en Menschen, der sich anma?t, mehr als Gott zu sein, mehr als die Natur! Der Wei?e sagt: ?Ich lasse dieses Tier leben, denn es bringt mir Geld?; und er sagt: ?Jenes Tier muss sterben, ich kann an ihm nichts verdienen, den Platz, den es braucht, kann ich besser verwenden. Nur ein toter Kojote ist ein guter Kojote?. Die Wei?en behandeln die Kojoten fast so schlimm wie sie einst uns Indianer behandelt haben.
ICH HABE DEN EINDRUCK, die wei?en Menschen f?rchten sich so sehr vor der Welt, die sie selbst geschaffen haben, dass sie diese nicht mehr sehen, f?hlen, riechen oder h?ren wollen. Regen und Schnee auf dem Gesicht zu sp?ren, von einem eisigen Wind wie erstarrt zu sein und an einem rauchenden Feuer wieder aufzutauen, aus einer hei?en Schwitzh?tte zu kommen und in einen kalten Fluss zu tauchen - diese Erfahrungen zeigen dir, dass du lebst. Aber ihr wollt das gar nicht mehr empfinden. Ihr wohnt in K?sten, die Sommerhitze und Winterk?lte aussperren, ihr lebt in einem K?rper, der seinen Geruch verloren hat, ihr h?rt den L?rm aus der Hi-Fi-Anlage anstatt den Kl?ngen der Natur zu lauschen, ihr seht den Schauspielern im Fernsehen zu, die euch Erlebnisse vorgaukeln, euch, die ihr l?ngst verlernt habt, irgendetwas selbst zu erleben. Ihr esst Speisen, die nach nichts schmecken. Das ist euer Weg. Er ist nicht gut.
BEVOR UNSERE WEISSEN BR?DER KAMEN, um zivilisierte Menschen aus uns zu machen, hatten wir keine Gef?ngnisse. Aus diesem Grund hatten wir auch keine Verbrecher. Ohne ein Gef?ngnis kann es keine Verbrecher geben. Wir hatten weder Schl?sser noch Schl?ssel und deshalb gab es bei uns keine Diebe. Wenn jemand so arm war, dass er kein Pferd besa?, kein Zelt oder keine Decke, so bekam er all dies geschenkt. Wir waren viel zu unzivilisiert, um gro?en Wert auf pers?nlichen Besitz zu legen. Wir strebten Besitz nur an, um ihn weitergeben zu k?nnen. Wir kannten kein Geld und daher wurde der Wert eines Menschen nicht nach seinem Reichtum bemessen. Wir hatten keine schriftlich niedergelegten Gesetze, keine Rechtsanw?lte und Politiker, daher konnten wir einander nicht betr?gen. Es stand wirklich schlecht um uns, bevor die Wei?en kamen, und ich kann es mir nicht erkl?ren, wie wir ohne die grundlegenden Dinge auskommen konnten, die - wie man uns sagt - f?r eine zivilisierte Gesellschaft so notwendig sind.
AUCH DER MENSCH BESTEHT AUS VIELERLEI. Woraus immer die Luft ist, die Erde, die Kr?uter, die Steine, all das ist auch Teil unserer K?rper. Wir m?ssen wieder lernen, wir selber zu sein und die Vielfalt in uns zu f?hlen und zu entdecken. Wakan Tanka, das Gro?e Geheimnis, lehrt Tiere und Pflanzen, was sie tun sollen. In der Natur gleicht nichts dem anderen. Wie verschiedenartig sind die V?gel! Einige bauen Nester, andere nicht. Manche Tiere leben in Erdl?chern, andere in H?hlen, andere in B?schen. Wieder andere kommen ?berhaupt ohne Behausung aus. Sogar Tiere derselben Art - zwei Hirsche, zwei Eulen - verhalten sich unterschiedlich. Ich habe viele Pflanzen aufmerksam betrachtet. Von den Bl?ttern einer Pflanze, die alle auf demselben St?ngel wachsen, ist keines ganz wie das andere. Auf der ganzen Erde gibt es keine zwei Bl?tter, die einander v?llig gleichen. Der Gro?e Geist hat es so gewollt. F?r alle Gesch?pfe auf der Erde hat er den Lebenspfad blo? im Gro?en vorgezeichnet; er zeigt ihnen die Richtung und das Ziel, l?sst sie aber ihren eigenen Weg dorthin finden. Er will, dass sie selbst?ndig handeln, ihrem Wesen gem?? und ihren inneren Kr?ften gehorchend. Wenn nun Wakan Tanka will, dass Pflanzen, Tiere, sogar die kleinen M?use und K?fer, auf diese Weise leben - um wie viel mehr werden ihm Menschen, die alle dasselbe tun, ein Gr?uel sein: Menschen, die zur selben Zeit aufstehen, die gleichen im Kaufhaus erstandenen Kleider anziehen und dieselbe U-Bahn ben?tzen, die im selben B?ro sitzen, die gleiche Arbeit verrichten, auf ein und dieselbe Uhr starren und - was am schlimmsten ist - deren Gedanken einander zum Verwechseln ?hnlich sind. Alle Gesch?pfe leben auf ein Ziel hin. Selbst eine Ameise kennt dieses Ziel - nicht mit dem Verstand, aber irgendwie kennt sie es. Nur die Menschen sind so weit gekommen, dass sie nicht mehr wissen, warum sie leben. Sie ben?tzen ihren Verstand nicht mehr und sie haben l?ngst vergessen, welche geheime Botschaft ihr K?rper hat, was ihnen ihre Sinne und ihre Tr?ume sagen. Sie gebrauchen das Wissen nicht, das der Gro?e Geist jedem von uns geschenkt hat, sie sind sich dessen nicht einmal mehr bewusst, und so stolpern sie blindlings auf der Stra?e dahin, die nach Nirgendwo f?hrt - auf einer gut gepflasterten Autobahn, die sie selber ausbauen, schnurgerade und eben, damit sie umso schneller zu dem gro?en leeren Loch kommen, das sie am Ende erwartet, um sie zu verschlingen.?