Nun, es mag sein, dass die folgenden Zeilen, obwohl ich kein Zitat voranstelle, speziell für raabenweib gemeint sind,
aber ich möchte sie eigentlich allgemein halten. Vielleicht ist es, weil ich fast 50 Jahre lang dem "Helfersyndrom" selbst erlegen war. Wenn man "erlegen" ist, ist es so etwas wie das bekannte "Burnout", also das Ausgebranntsein. Es kommt daher, dass man niemandem Grenzen setzt, also die eigene Freiheit nicht mehr wahrnimmt und allen erlaubt, mit einem zu machen, was sie wollen. Ich muss ja gut sein, oder besser - frei nach Goethe -: edel, hilfreich und gut! Weil ich mir nicht traue, "böse" zu sein, also hin und wieder NEIN zu sagen, verliere ich meine identität und werde gelebt statt selbst zu leben. Wenn ich aber NEIN sagen kann, bedeutet auch mein JA etwas. Ich kann selbstverständlich versuchen, die Welt zu retten, das steht mir immer frei. Aber ob ihr geholfen ist, wenn ich mich selbst aufgebe? Es kann sein, dass eines Tages diejenigen am meisten von mir enttäuscht sind, die sich auf mich verlassen haben, weil sie glaubten, ich wäre der Fels, auf den sie sich vor den Stürmen retten wollten. Und stellen dann fest, dass ich nichts weiter bin als im Meer treibendes Holz...
Jeder von uns hat nur zwei Hände, zwei Beine, zwei Augen, eine Nase und einen Mund. Es mag Verwachsungen geben aber die sind außerordentlich selten. Ich muss tatsächlich meine eigenen Grenzen anerkennen! Wenn ich es nicht tue, sind psychische und physische Krankheiten die Folge, manchmal der Zusammenbruch meines ganzen Lebens. Das schreibe ich, weil ich in dieser Hinsicht nicht ganz unerfahren bin. Ein Teil der Diagnose lautet in einem solchen Fall: Mangelndes Selbstbewusstsein.
Nun sind die Belastbarkeiten bei verschiedenen Menschen verschieden, auch bei verschiedenen Ländern verschieden. Eine Frau wird vielleicht verstehen, dass es Mütter gibt, die es tatsächlich schaffen, 13 Kinder einigermaßen günstig und gerecht groß zu kriegen, aber derart Starke sind eben doch die Ausnahme. Manche sind bereits mit zwei Kindern überfordert, und manche meinen, sie müssten, um "edel, hilfreich und gut" zu sein, mindestens 6 haben, kriegen 7 und sind todunglücklich dabei. Tut das etwa den Kindern gut?
Kommen wir zur großen Politik. Tun wir den Einwohnern bestimmter Länder wirklich gut, wenn wir sagen: "Kommt alle her, lebt hier, weil es bei euch zu Hause so schwer ist, wir machen es euch leicht."? Werden wir ihnen nicht eben genau das signalisieren: "Wir lösen eure Probleme, müht euch selber lieber nicht!" Dann gleichen wir der Mutter, die ihren Kindern jeden Stein aus dem Weg räumt und sich dann wundert, dass sie lebensunfähig werden. Sie wurden nicht gefordert!
An Schwierigkeiten jeder Art wächst ein Mensch, und an Schwierigkeiten jeder Art wächst ein Volk, ein Land ebenfalls. Wie im Kleinen, so im Großen! Wenn wir jemandem Hilfe zur Selbsthilfe geben können, sollten wir es tun. Wenn wir jemanden an den Tropf hängen, machen wir ihn lebensunfähig. Wenn einer bettelt und immer etwas bekommt, wird er nie aufhören zu betteln. Er merkt, dass es funktioniert. Das mag nicht weiter schlimm sein, aber so entwickelt er sich auch nicht.
Ein Bekannter von mir war 4 Jahre in Afrika, "Entwicklungshilfe". Er kam kopfschüttelnd zurück. Da kommt so ein Häuptling und sagt: "Oh, es hat jetzt lange nicht geregnet, wir müssen einen Hilferuf nach Europa schicken, damit sie uns wieder helfen." Der arme Deutsche mühte sich fast vergeblich, dem Häuptling klar zu machen, dass knapp 2 km von den Feldern entfernt ein breite Fluss dahinfloss, der immer Wasser führte und es locker erlaubte, Bewässerungsgräben zu schachten, um etwas für die Felder zu haben...
Natürlich werden Menschen in manchen Ländern getötet und gefoltert. (Ich habe selber fast 10 Jahre URGENT ACTIONS geschrieben für amnesty international.) Und wenn wir was für sie tun können, sollten wir es schon tun. Ich schreibe "tun können", weil wir entsprechend unserer Bedingungen handeln sollten. Aber wer bringt derartige Folterregime zum Kippen? Doch nur diejenigen, die einmal gefoltert wurden oder die es vermeiden wollen, gefoltert zu werden. Diejenigen, die jetzt in Libyen auf den Straßen sind und in Algerien, nicht die Ausgewanderten!
Ich merke schon, ich ufere aus, aber wie kriege ich rüber, dass es mir um eine gesunde Balance geht, um eine gewisse Augenhöhe...?
Herzliche Grüße,
nanabozho
P.S.: Auch ich nahm schon die Gastfreundschaft anderer an, auch im Ausland, aber ich glaube, immer deren Gesetze, Traditionen, Bräuche, geachtet zu haben und es hätte mir um so ferner gelegen, etwa meine eigenen durchsetzen zu wollen... Auf das Argument mit dem "Wohnzimmer" kann ich nicht gut antworten, weil ich nicht ausgedrückt habe, dass man es verschlossen halten soll, sondern nur, dass man einem Gast nicht höhere Rechte einräumen sollte als sich selbst. Und das würde ich eher noch unterstreichen.