[Kolonialzeit und Imperialismus] Deutsche Kolonien in Lateinamerika

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    • [Kolonialzeit und Imperialismus] Deutsche Kolonien in Lateinamerika

      Die deutsche Auswanderung nach Lateinamerika war f?r das Auswanderungsland ein vergleichsweise kleiner Nebenarm in dem gewaltigen transatlantischen Exodus, der im 19. Jahrhundert zu rund 90 Prozent in die Vereinigten Staaten strebte. Was quantitativ nur wenig bedeutsam erscheinen mochte, war in seiner qualitativen Wirkung f?r den Subkontinent jedoch erheblich.
      Schon seit dem 17. Jahrhundert waren Deutsche in wachsender Zahl nach Lateinamerika gelangt, unter ihnen auch jene Offiziere und Soldaten, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Legion?re in Bol?vars Armee an der Befreiung Lateinamerikas von der spanischen Kolonialherrschaft teilhatten. Vereinfacht l??t sich die deutsche Auswanderung nach Lateinamerika seit dem fr?hen 19. Jahrhundert in mehrere Phasen gliedern.

      Am Anfang stand ein erster gr??erer, von der europ?ischen Hungerkrise 1816/17 ausgel?ster Einwanderungsschub vor allem nach Brasilien, der bis in die 1820er Jahre andauerte. Eine zweite Einwanderungswelle erfa?te Lateinamerika ab 1850, zun?chst als Sp?tfolge der europ?ischen Agrarkrise von 1846/47. In der damit beginnenden zweiten Phase (1851-1859, Unterbrechung 1853) wanderten fast 23.000 Deutsche nach Lateinamerika aus, w?hrend in den folgenden Boomjahren der deutschen Wirtschaft bis 1865 lediglich die H?lfte der vorangegangenen Auswandererzahlen erreicht wurde. Eine dritte Phase setzte um 1866 ein und dauerte bis 1900. Die Spitzenwerte fielen in die Jahre 1885 und 1894, als 16.214 bzw. 17.051 deutsche Lateinamerika-Auswanderer registriert wurden. Zwischen 1900 und 1904 wurde mit lediglich 3.687 Auswanderern ein Tiefstand erreicht, bevor die Auswandererzahlen am Vorabend des Ersten Weltkrieges nochmals anstiegen.

      Obwohl die Reise in die USA billiger und besser organisiert war, das US-Wirtschaftswachstum bessere Aufstiegschancen zu bieten schien, das Klima f?r Europ?er ertr?glicher und der Landerwerb sp?testens seit dem Homestead Act von 1862 vergleichsweise einfach war, strebten 1820-1930 immerhin rund 5 Prozent der deutschen Auswanderer nach Lateinamerika. Die Auswanderungskurve nach Lateinamerika weicht jedoch in vielerlei Hinsicht vom Gesamtverlauf der ?berseewanderung ab. Vor allem in den 1820er Jahren war die Auswanderung nach Lateinamerika erheblich gr??er als die in andere ?berseegebiete. Sie betrug 1826 ?ber 30 Prozent, 1827 und 1830 immerhin noch an die 20 Prozent der gesamten deutschen Auswanderung, um sp?ter allerdings immer mehr hinter die in die USA zur?ckzufallen. Die Lateinamerika-Auswanderung vermochte danach die Tendenz der Gesamtauswanderung nie mehr wesentlich zu beeinflussen. Die 1846 einsetzende Welle hatte in S?d- und Mittelamerika eine versp?tete "Resonanz" dauerte daf?r aber etwas l?nger. In den Jahren 1846-1850 betrug sie 0,7 Prozent und 1856-1860 immerhin 4,6 Prozent der Gesamtauswanderung. Auch danach stiegen die Auswanderungsziffern nach Lateinamerika nicht steil an. Vom deutschen Auswanderungsfieber der Jahre 1880 bis 1884 war in Lateinamerika nichts zu sp?ren. Als hingegen vor dem Ersten Weltkrieg die Auswanderung aus Deutschland insgesamt abnahm, erh?hte sich die deutsche Einwanderung nach Lateinamerika geradezu "antizyklisch".

      Die eben beschriebene Auswanderungskonjunktur nach Lateinamerika zeigt einen vom Gesamttrend der deutschen ?berseeauswanderung stark abweichenden Verlauf, innerhalb dessen wiederum die Einwanderung in die einzelnen lateinamerikanischen Staaten ganz unterschiedlich ausgepr?gt war. Klassische Ziell?nder der deutschen Auswanderung nach Lateinamerika waren die "Cono Sur-L?nder" Brasilien und Argentinien, in geringerem Ma?e auch Uruguay und Chile. Die Auswanderung nach Mexico, Zentralamerika, in die Karibik und nach Kolumbien blieb unbedeutend. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschoben sich die Anteile der einzelnen Einwanderungsl?nder am Wanderungsgeschehen ganz erheblich: Brasilien wies insgesamt die gr??te Einwanderungszahl auf; die j?hrlichen Schwankungen waren jedoch betr?chtlich. In den 1820er Jahren - H?hepunkt lag 1825 bei 30 Prozent der Gesamtauswanderung - war Brasilien eines der wichtigsten Ziell?nder der deutschen Auswanderung. Sp?ter im 19. Jahrhundert konnte es nie mehr den Stellenwert beanspruchen, den es in den 1820er Jahren f?r das deutsche Wanderungsgeschehen besessen hatte.

      Seit den 1850er Jahren wurde mit einiger Verz?gerung auch Argentinien als Einwanderungsland erschlossen; es nahm seit den 1880er Jahren einen steigenden Teil der deutschen Auswanderung auf. Auch Chile stand bei deutschen Auswanderern hoch im Kurs. Es wurde noch vor Argentinien als Einwanderungsland "entdeckt" und zog seit den 1840er Jahren bis 1900 stets Einwanderer an. Nach dem Ersten Weltkrieg b??te das Land allerdings an Attraktivit?t f?r deutsche Auswanderer ein.

      Obwohl die deutsche Einwanderung nach Lateinamerika 1854-1924 lediglich 2,7 Prozent der Gesamteinwanderung ausmachte, war ihre qualitative Wirkung betr?chtlich. Zwei Formen der deutschen Auswanderung nach Lateinamerika haben besondere Spuren hinterlassen: Siedlungsbewegung und Elitenwanderung.

      Deutsche Siedlungskolonien in Brasilien, Chile und Argentinien

      Die fr?he deutsche Auswanderung nach Lateinamerika war organisiert und erfolgte gruppenweise. Es ging um die Gr?ndung von Agrarsiedlungen in den "Cono Sur-L?ndern" Brasilien, Argentinien und Chile. Die ersten Siedlungskolonien entstanden in Brasilien. Ihre Gr?ndung fiel in die Jahre 1824 -1828: S?o Pedro de Alcantara in der Provinz Santa Catarina (ca. 8o Familien um 1850), S?o Leopoldo in der Provinz Rio Grande do Sul (ca. 5400 Einwohner um 1850), S?o Paulo am Rio Negro bei Paranagu? sowie eine an die Schweizer Kolonie Nova Friburgo angrenzende Siedlung in der Provinz Rio de Janeiro. Brasilien f?rderte seit 1819 die planm??ige Einwanderung. Der Kolonie S?o Leopoldo z.B. stellte Kaiser Pedro I. (1822-1831) Land zur Verf?gung; au?erdem gew?hrte er ihr einige b?rgerliche Rechte und Kultusfreiheit. Mit der Schaffung eines deutschen agrarisch-gewerblichen Mittelstandes verfolgte Brasiliens Regierung wirtschaftliche und soziale Ziele: Neben die traditionelle Gro?grundbesitzeroligarchie, die auf Sklavenarbeit, extensivem Anbau und Export basierte, trat nun eine auf freie Arbeit gegr?ndete intensive Landwirtschaft. Von der Urbarmachung des Landes und der Kapitalisierung brachliegender Ressourcen durch neue Anbaumethoden versprach sich die Zentralregierung eine Erh?hung der Wirtschaftskraft.

      Die Opfer, die die Einwanderer in Brasilien zu erbringen hatten, waren betr?chtlich. Das gr??te Problem f?r die Einwanderer bestand zweifellos darin, da? zu viele an ihnen verdienen wollten, ohne ad?quate Gegenleistungen zu erbringen: Die Auswanderungsagenturen lie?en sich zwar f?r die Vermittlung von ?berfahrt und Siedlungspl?tzen gerne satte Pr?mien bezahlen. Sie f?hlten sich aber nicht unbedingt zust?ndig, wenn die Auswanderer auf Hindernisse stie?en und die von der Propaganda geweckten Tr?ume nicht in Erf?llung gingen. Die Schiffahrtsgesellschaften handelten unter dem Druck der Konkurrenz nicht besser: Um Marktanteile zu halten, waren sie vor allem auf die Auslastung ihrer Schiffe bedacht. Die brasilianische Regierung wiederum konnte sich, kaum waren die Siedler angelangt, oft an die von ihren Werbeagenten abgegebenen Versprechungen nicht mehr erinnern. Die schwierigen Umst?nde bewogen viele, weiterzuwandern und ihr Gl?ck andernorts zu versuchen.

      Erfolg und Kontinuit?t einer Siedlung hingen, au?er vom mitgebrachten Kapital und "Know-how", auch von der Ausdauer, der Entbehrungsbereitschaft und dem Idealismus der Siedler ab. Da im Laufe der Zeit von seiten der Pflanzeraristokratie, die sich durch die Privilegien der deutschen Siedlungskolonien benachteiligt f?hlte, eine wachsende Abneigung gegen Ausl?nder festzustellen war, kam die Auswanderung nach Brasilien in den 1830er und 1840er Jahren praktisch zum Erliegen.

      Konnten die deutschen Staaten die Auswanderer nach Lateinamerika schon nicht vor den dort lauernden Gefahren sch?tzen, so war doch zumindest Preu?en bestrebt, die Auswandererwerbung einzuschr?nken: l859 wurde als Gegengewicht zur Sch?nf?rberei von Auswanderungs- und Schiffahrtsgesellschaften und fanatischen Kolonisationspropagandisten das "von der Heydtsche Reskript" erlassen, das rechtlich f?r Brasilien und faktisch f?r ganz Lateinamerika die Anwerbung (nicht die Auswanderung) von Deutschen auf preu?ischem Territorium untersagte. Das Reskript, das nicht nur Ausdruck paternalistischer F?rsorge der preu?ischen Regierung, sondern auch ein Mittel gegen die Abwerbung von Arbeitskr?ften aus der Landwirtschaft des preu?ischen Ostens war, wurde nach der deutschen Einigung auf das Reich ?bertragen und erst 1896 aufgehoben.

      Insgesamt wirkte die Kumulation verschiedener Faktoren dahin, Brasilien trotz seines reichen Ressourcenangebots nicht zu einem Masseneinwanderungsland der Deutschen werden zu lassen. Dazu z?hlten neben amtlichen Warnungen auf deutscher und schwankenden Einwanderungsbedingungen auf brasilianischer Seite: subtropisches Klima und topographische Probleme, Inkompetenz der Planer, Berichte fehlgeleiteter Auswanderer, Nachrichten ?ber harte Arbeit bei begrenzter wirtschaftlicher Freiheit, ?ber Risiken der Pioniersiedlung, aber auch ?ber die ?bervorteilung von Siedlern durch deutsche Kolonisationsgesellschaften und schlie?lich die bei weitem ?berlegene Anziehungskraft der Vereinigten Staaten. In der deutschen Auswanderungs- und Kolonialdiskussion der 1880er und fr?hen 1890er Jahre umlaufende, in einer langen Tradition stehende nationalistische Vorstellungen von einer Umlenkung der deutschen Massenauswanderung von Nord- nach S?damerika, von der "Teutonisierung" s?damerikanischer Zielgebiete durch "organisierte" Einwanderung zur Begr?ndung eines "Neu-Deutschland in S?damerika" und insbesondere in Brasilien untersch?tzten bei weitem die Integrationskraft des brasilianischen Nationalstaats. Sie blieben nicht nur illusion?r, sondern wirkten sogar kontraproduktiv, weil sie Anfang der 1890er Jahre nachhaltige Skepsis gegen?ber der deutschen Einwanderung weckten.

      Auch f?r Chile war die deutsche Einwanderung bedeutsam. Allein 1840-1914 wanderten rund. 20.000 Deutsche in den "vergessenen" S?den Chiles ein. Die deutsche Einwanderung nach Llanquihue, Valdivia und Osorno ist im Zusammenhang der Grenzverschiebung nach S?den, der Expansion des Staates in eine wenig besiedelte Zone, zu sehen. Die Pionier- und Experimentierphase begann um 1846 und dauerte bis 1875. In dieser Zeit kamen rund 5.500 Siedler in diese Orte. W?hrend die Siedler bei Llanquihue in nahezu unbesiedelte Gebiete vorstie?en, kam es unter den Einwanderern bei Osorno und Valdivia, unter denen sich viele Kleingewerbetreibende befanden, zur Weiterwanderung in die schnell wachsenden St?dte der Umgebung. Eine zweite Phase umschlie?t die Jahre 1882 und 1890, als Deutsche aus unterb?rgerlichen und unterb?uerlichen Schichten, zusammen mit Siedlern anderer Nationalit?ten, bis an die Siedlungsgrenze vordrangen. Sp?ter ankommende Einwanderer erweiterten vorwiegend schon bestehende Siedlungen.

      Im Unterschied zu Brasilien, wo der Staat zu Beginn die Einwanderung f?rderte und lenkte, wo auch die Integrationskr?fte st?rker waren, genossen die deutschen Siedler in Chile in ihrer Abgeschiedenheit eine Art Autonomie. Die ersten Impulse zur Siedlungsbewegung in Chile gingen von der privaten "Gesellschaft f?r nationale Auswanderung und f?r Colonisation" aus, die 1845 in spekulativer Absicht riesige L?ndereien, die sie von Indianern erworben hatte, zum Verkauf anbot. Erst danach griff der chilenische Staat durch Einsetzung eines eigenen und kompetenteren Werbeagenten lenkend ein, um so mehr als Chile in der Beliebtheitsskala der Einwanderer wegen der l?ngeren und teureren Reise noch hinter der La Plata-Region zur?ckstand.

      Teile der chilenischen Oberschicht versprachen sich von der Einwanderung - ?hnlich wie die brasilianische Regierung - gewisse Modernisierungseffekte, da die Einwanderer ?ber eine verh?ltnism??ig hohe Bildung, Gen?gsamkeit, Tatkraft und "sittliche Haltung" verf?gten. Au?erdem sollten sie als "Puffer" gegen die als kriegerisch geltenden Mapuche-Indianer in den bis dahin nicht erschlossenen Gebieten wirken. In den 1880er Jahren vollzog die chilenische Regierung einen Kurswechsel in ihrer Einwanderungspolitik: Unter dem Druck der katholischen Agraroligarchie, deren Argumente auch konfessionell begr?ndet wurden, gingen die Beh?rden dazu ?ber, die Einwanderung und Siedlung aus katholisch gepr?gten und romanischsprachigen L?ndern zu f?rdern, um ein protestantisches ?bergewicht unter den Siedlern zu verhindern.

      Die Siedler im chilenischen S?den waren mehrheitlich Eigent?mer des von ihnen kultivierten Bodens. Innerhalb von 30 Jahren entwickelte sich ein von den traditionellen Handelszentren Valparaiso und Santiago unabh?ngiger, autochthoner Kapitalismus, der f?r seine gewerblichen und industriellen Produkte neu erschlossene M?rkte fand. Charakteristisch f?r die Siedlungsbewegung am Llanquihue-See war der ausgepr?gte famili?re Zusammenhalt. Haushalte wurden zumeist durch Verwandte, Nachbarn und Dienstboten erg?nzt. Insgesamt verf?gten die deutschen Siedlungen in Chile ?ber einen hohen Grad an Autonomie, der zum Auf- und Ausbau einer selbstverwalteten Vereins-, Kirchen-, Schul- und Dorfstruktur genutzt wurde.

      Auch in Argentinien begann die Einwanderung sp?ter als in Brasilien. Zwar hatte die argentinische Regierung, ?hnlich wie die brasilianische, bereits in den 1820er Jahren eine Kommission eingesetzt, die die M?glichkeit pr?fen sollte, europ?ische Landwirte und Handwerker zur Kolonisierung des Landesinnern zu bewegen. Doch auch hier wurden Versprechungen wie freie ?berfahrt, kostenlose Landzuweisung und finanzielle Unterst?tzung in den ersten Jahren nicht eingel?st. Deutsche schlugen sich mit verschiedenen T?tigkeiten durch, nur nicht in der Landwirtschaft: Einige wurden in den wiederholten kriegerischen Auseinandersetzungen des Landes als S?ldner eingesetzt. In vielen anderen F?llen f?hrte die mangelnde F?rderung der landwirtschaftlichen Kolonisation dazu, da? die Mehrheit der deutschen Einwanderer in Argentinien nicht als Viehz?chter und Ackerbauern t?tig wurde, sondern vor allem im Distrikt Buenos Aires als Handwerker wie Schuhmacher, Tischler, Klempner und Schneider, als Drucker und Buchbinder, als Gastwirte und Konditoren, als Pferdevermieter oder Fuhrunternehmer arbeitete. Argentinien d?rfte innerhalb Lateinamerikas das Einwanderungsland gewesen sein, in dem der gr??te Anteil deutscher Einwanderer sich nicht in der Landwirtschaft, sondern im handwerklichen Sektor und in den urbanen Zentren bet?tigte.

      Auch als die europ?ische Massenauswanderung zwischen 1880 und 1887 ihren H?hepunkt erreichte, trafen in Argentinien j?hrlich nur 500-900 Einwanderer aus Deutschland ein. Erst seit Ende der 1880er Jahre erh?hten sich die Zahlen, auch weil Schiffahrtsgesellschaften subventioniert und Passagespesen f?r neue Siedler ?bernommen wurden. Argentinien schickte deutsche Siedler in den S?den Patagoniens, um geostrategischen Ambitionen gegen Chile Nachdruck zu verleihen.

      Die Elitenwanderung

      Eine andere Form von deutschen Siedlungskolonien, die quantitativ kaum ins Gewicht fiel und doch von gro?er Bedeutung war, bildete sich praktisch in jedem Land des Subkontinents durch die Zeitwanderung deutscher Kaufleute, Bankiers, Unternehmer, teilweise auch Ingenieure, Geisteswissenschaftler und Offiziere.

      Vor allem Kaufleute und Unternehmer sind in zahlreichen Studien untersucht worden. Diese "Elitenwanderung" unterschied sich erheblich von der Siedlungsbewegung: Die Kaufleute lie?en sich vorwiegend in st?dtischen Marktzentren nieder, die Import- und Exportgesch?fte im gro?en Ma?stab erwarten lie?en, also an K?stenpl?tzen mit Schiffahrtslinien und Transportverbindungen zu den Ballungszentren im Innern. Ausl?ndische Kaufleute, nicht einheimische H?ndler, vermittelten vorwiegend Agrarprodukte und mineralische Rohstoffe nach Europa und Industrieg?ter nach Lateinamerika.

      In Mexiko waren z.B. in den 1820er Jahren 30 Prozent aller anwesenden Deutschen H?ndler und Handlungsgehilfen. Das Wachstum der deutschen Erwerbsbev?lkerung ging hier in den folgenden Jahren vor allem zur?ck auf den Zuwachs an Gro?kaufleuten und H?ndlern, deren Gruppe 1910 rund 2.000 Personen umfa?te.

      Im Gegensatz zu den Siedlungswanderern reisten Jungkaufleute nicht in Gruppen, sondern - unterst?tzt von ihren Eltern oder Kaufmannskorporationen - meist als Einzelpersonen. Sie stammten h?ufig aus den protestantischen Mittelschichten der Hafenst?dte Bremen und Hamburg. Viele kamen in der Absicht, sp?ter in die Heimat zur?ckzukehren. Die meisten waren bei ihrer Ankunft noch unverheiratet; sie gingen mit einem deutschen Handelshaus oder in Vertretung englischer Interessen ein Vertragsverh?ltnis ein. Wer sich im Gesch?ft bew?hrte und bereit war zu bleiben, konnte durch den Erwerb der Prokura oder ?ber ein Teilhaberverh?ltnis weiter aufsteigen. Viele gr?ndeten ihr eigenes Gesch?ft.

      Nur gro?e Handelsgesellschaften engagierten sich zugleich im Produktionsbereich, etwa in Fabriken, im Bergbau oder in Plantagen. Solche Gro?firmen hatten vorteilhafte Verbindungen nach Hamburg, Bremen und Frankfurt, aber auch nach London, Paris und New York. Im Vergleich zu den mexikanischen Wirtschaftseliten hatten sie auch leichteren Zugang zum Kapitalmarkt und zu moderner Technologie. Deshalb konnten Deutsche auch in das einheimische Gewerbe (Sombrerofabrikation, Cochenillefarben-Herstellung, Papierproduktion usw.) investieren. Durch Infrastrukturprojekte (Eisenbahnbau, Hafenanlagen, Elektrifizierung) ergaben sich seit den 1870er Jahren neue Investitionsgelegenheiten. Gef?rdert von deutschen Bankiers, Gro?kaufleuten und Gro?grundbesitzern wurden neue Regionen erschlossen und die Marktf?higkeit der landwirtschaftlichen Exportprodukte verbessert.

      In der zweiten H?lfte des 19. Jahrhunderts ?bernahmen die Deutschen auf Kosten der Franzosen und Engl?nder einen wachsenden Anteil am Au?enhandel. Selbst w?hrend der mexikanischen Revolution (1911-1917) verloren sie wenig Besitz. Vor allem Gro?konzerne wie H. Stinnes, IG-Farben, Zeiss, Mannesmann und AEG konnten ihre Positionen ausbauen. Es war ein Kennzeichen derartiger Unternehmen, da? sie fast ihr gesamtes kaufm?nnisches und technisches Personal mitbrachten.

      Kulturdistanz und Akkulturation

      Welcher Art waren die Ak-kulturationsprobleme der deutschen Siedlergemeinschaften in Lateinamerika? Auf die deutschen Einwandererkolonien in S?dchile l??t sich ein idealtypisches F?nfphasenschema anwenden, das die Entwicklung der Beziehungen deutscher Einwanderer zu Staat und Gesellschaft in Chile sowie zum Auswanderungsland kennzeichnet:

      In einer ersten Phase, die sich von der Ankunft der ersten Siedler (in den 1820er Jahren) ?ber mehrere Jahrzehnte hin erstreckte, verwerteten die Neuank?mmlinge zwar die materiellen Ressourcen der Region geschickt und erfolgreich, schlossen sich jedoch fast hermetisch gegen soziale und kulturelle Einflu?nahme durch die chilenische Gesellschaft ab. Sehr schnell entwickelten sich die Deutschen zu einer Art regionaler Wirtschaftselite, die aber zugleich Mentalit?t und Lebensstil der Einheimischen ablehnte. Sie versuchten vielmehr, die Gesellschaft, aus der sie stammten, so getreu wie m?glich in verkleinerter Form wieder aufzubauen. Hierzu geh?rten die Ausstattung der H?user, Kleidungsstil und Alltagsgewohnheiten ebenso wie die Untergliederung der Kolonien in Landsmannschaften und Konfessionen oder die Einrichtung unz?hliger deutscher Organisationen wie z. B. Schul- und Kirchengemeinschaften, Turn- und Sch?tzenvereine.

      Dieser Aufbau einer neuen Gesellschaft nach dem Muster des Auswanderungslandes leitet in die zweite Phase ?ber, in der - nach der ?berwindung der anf?nglichen Subsistenzprobleme - die mehr oder minder systematische Konstruktion der "alten Heimat" stattfand. Sie war das Vorbild, das die Siedler, die in ein gesellschaftliches Vakuum vorstie?en, ihrem Versuch zugrunde legten, den neuen Raum wirtschaftlich zu erschlie?en und sozial zu gliedern. Erleichtert wurde dies sicherlich dadurch, da? die Auswanderer gruppenweise nach Chile kamen, was nicht nur soziale Integration nach innen und Abgrenzung nach au?en erm?glichte, sondern auch die Stabilit?t von Traditionen, Werthaltungen und Verhaltensweisen erkl?ren hilft. Es fehlte - anders als etwa in S?dbrasilien - jeglicher Akkulturationsdruck. Auch die verst?rkte Einbindung der deutschen Siedlergemeinschaften in den chilenischen Nationalstaat in der zweiten H?lfte des 19. Jahrhunderts bedeutete keineswegs eine entsprechende Ann?herung an die chilenische Gesellschaft. Nach wie vor blieben die Kulturen und Werthaltungen klar unterschieden - deutlich greifbar etwa in der praxisorientierten Arbeitsbereitschaft der ?berwiegend protestantischen Deutschen, die darin eine religi?s verankerte Tugend sahen. Hinzu kam, da? die deutschen Einwanderer sich zumeist aus den mittleren sozialen Schichten rekrutierten, f?r die es im neuen Siedlungsgebiet kein gesellschaftliches "?quivalent" gab, so da? es f?r sie ohnehin nahelag, sich an der eigenen Gruppe zu orientieren.

      F?r die ersten beiden Phasen der deutschen Einwanderung l??t sich somit von Anpassung ohne Assimilation sprechen. Der Bezug zum ,Deutschtum" ver?nderte sich in der dritten Phase, da die Verh?ltnisse in der ehemaligen Heimat sich weiterentwickelten, w?hrend sich das Bekenntnis zum alten Vaterland auf Verh?ltnisse zum Zeitpunkt der Auswanderung bezog. Deshalb wurde das Gruppenidentit?t vermittelnde Deutschlandbild der Siedler stets realit?tsfremder. Die Einbu?e an konkretem Wissen ?ber Deutschland f?hrte zu ersten Abl?sungs- und Entfremdungserscheinungen - bei gleichzeitig bekenntnishafter Identifizierung mit dem Deutschen Reich. Die nach wie vor beobachtbare Ablehnung alles "Chilenischen" wurde in dieser Phase Ausdruck einer spezifischen Bewu?tseins- und Geisteshaltung. Eine Absorption durch die chilenische Gesellschaft kam nicht in Frage, und die Bindungen an Deutschland wurden intensiviert, etwa durch den Bezug von Zeitungen, die Pflege privater und wirtschaftlicher Kontakte, die Anstellung deutscher Lehrer und Pfarrer.

      In einer vierten Phase schritt der reale Entfremdungsproze? fort, die Beziehungen zu Deutschland unterlagen einer qualitativen Ver?nderung. Die Berufung auf das "Deutschtum" war weniger emotional und eher selektiv-instrumentell, da die Wirtschaftsbeziehungen zum Deutschen Reich materielle Vorteile mit sich brachten, was wiederum zur Beibehaltung der ?konomischen und sozialen Sonderstellung in der chilenischen Gesellschaft beitrug.

      In einer letzten, f?nften Phase wuchs allm?hlich die Assimilationskraft von Gesellschaft und Staat in Chile. Dieser lange, diskontinuierlich verlaufende Proze? gewann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung und ist bis heute nicht abgeschlossen. Sicher hat die Anpassung an die chilenische Gesellschaft in einzelnen F?llen schon fr?her eingesetzt. Der innere Zusammenhalt der deutschst?mmigen Kolonien br?ckelte ab, kulturelle Mischformen entstanden, Deutschland wurde zum Ausland. Die Verbindung zum deutschen Kulturkreis b??te weitgehend ihre fr?he identit?tsstiftende Funktion ein.

      Quelle: is-koeln.de
      Wer sich st?rker damit befassen m?chte folgende

      Literaturhinweise:

      Hermann Kellenbenz/J?rgen Schneider:
      "La emigraci?n alemana a Am?rica Latina desde 1821 hasta 1930." In: Jahrbuch f?r Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas, 13. 1976, S. 386-392.

      Hartmut Fr?schle (Hg.):
      Die Deutschen in Lateinamerika. Schicksal und Leistung. T?bingen 1979.

      Jean-Pierre Blancpain:
      Les Allemands au Chili (1816-1945). K?ln 1974.

      Gerardo Jorge Ojeda-Ebert:
      Deutsche Einwanderung und Herausbildung der chilenischen Nation (1846-1920). M?nchen 1984.

      Peter Waldmann:
      "Kulturkonflikt und Anpassungszwang. Ausgangslage und Entwicklung der deutschen Einwanderungskolonien in S?dchile". In: Justin Stagl (Hg.): Aspekte der Kultursoziologie. Berlin 1982. S. 239-251.

      Walther L. Bernecker/Thomas Fischer:
      "Deutsche in Lateinamerika". In: Klaus J. Bade (Hg.): Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. M?nchen 1993. S. 197-214.
      Die Vollkommenheit ist unerreichbar. Gewiß ist die Vollkommenheit unerreichbar. Sie hat nur den Sinn, deinen Weg wie ein Stern zu leiten. Sie ist Richtung und Streben auf etwas hin.
      - Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste