Hallo Illuminatus
> Interessant wäre vielleicht auch eine Parallele zur biblischen "brennenden Dornbusch"-Geschichte.
Der brennende Dornbusch in der Moses-Geschichte ließe sich durchaus in diese Richtung interpretieren, dass sich das Göttliche in einem schwer zugänglichen Bereich offenbart bzw. in einem schwer „fassbaren“ Bereich. Man sollte sehr vorsichtig sein, wenn man in einen Dornbusch reinfässt.
Ganz spontan fällt mir in diesem Zusammenhang auch eine Stelle aus der Schöpfungsgeschichte ein. Nach der Vertreibung heißt es:
1. Mose 3.17 ... verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 3,18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Hier werden auch Dornen erwähnt. In der materiellen Welt ist das Ernten der Früchte mit sehr viel Mühsal und Leid verbunden. Und das gilt im übertragenen Sinne auch für die Früchte der Erkenntnis. Der Dornenbusch könnte also ein Symbol sein, das für den „dornigen“ Erkenntnisweg steht, den wir hier in der Materie zu gehen haben.
Die geistigen Prinzipien, die sich im Materiellen offenbaren, können wir natürlich erst dann erkennen, wenn wir das Materielle wieder „vergeistigen“. Hier kommt nun das Symbol des „Feuers“ ins Spiel. Der Dornenbusch nährt die Flammen, aber die Flammen verbrennen ihn nicht. Das würde also bedeuten: Die Erfahrungen aus dem dornigen Erkenntnisweg nährt diesen Vergeistigungsprozess, aber der Vergeistigungsprozess löst diese Erfahrungen natürlich nicht auf.
Dieser Deutungsansatz könnte also passen.
Die Geschichte von Dornröschen erinnert mich auch sehr stark an die „Dornenkrone“ bei der Kreuzigung. Und immerhin geht es in beiden Geschichten um das gleiche Motiv: „Tod und Auferstehung“.
> In der Bibel gibt es zumindest 3 Verständnisebenen. Einmal die historische, dann die
> populär-religiöse (im Sinne einer theologisch-wissenschaftlichen Ethik) und dann
> die esoterisch-symbolische (die wohl am interessantesten ist).
Stimmt. Diese dreistufige Herangehensweise wird als der „dreifache Schriftsinn“ bezeichnet. Der Theologe Origenes beschrieb ihn so:
Dreifach also muss man sich die „Sinne“ der heiligen Schriften in die Seele schreiben: Der
Einfältige soll von dem „Fleische“ der Schrift erbaut werden – so nennen wir die auf der
Hand liegende Auffassung –, der ein Stück weit Fortgeschrittene von ihrer „Seele“, und der
Vollkommene [...] erbaut sich aus „dem geistlichen Gesetz“, „das den Schatten der
zukünftigen Güter enthält“ (vgl. Röm. 7,14 und Hebr. 10,1). Wie nämlich der Mensch aus
Leib, Seele und Geist besteht, ebenso auch die Schrift, die Gott nach seinem Plan zur Rettung
der Menschen gegeben hat.
(Origenes: Vier Bücher von den Prinzipien, herausgegeben, übersetzt, mit kritischen und
erläuternden Anmerkungen versehen von Herwig Görgemanns und Heinrich Karpp, 3.
Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1992, Buch IV, 2,4, Seite 709)
Ähnliche Konzepte, die jedoch jeweils um einen vierten Schriftsinn erweitert sind, finden wir in auch der Kabbala und sogar im kath. Katechismus.
> Vielleicht finden sich diese Ebenen auch in vielen Märchen oder heiligen Texten wieder.
Ja, das kann ich auf jeden Fall bestätigen - ganz speziell bei einigen Märchen der Brüder Grimm, bei der Schneekönigin von Andersen, bei der ägyptischen, griechischen und nordischen Mythologie, bei den Kindheitslegenden von Buddha, ...
In diesem etwas umfangreicheren PDF-Dokument (3 MB) zeige ich übrigens, dass man biblische Texte und deutsche Volksmärchen nach den gleichen Konzepten interpretieren kann:
http://www.scribd.com/doc/8129212/El…-ebook-Esoterik
(Einige Teile dieser Antwort habe ich per Cut&Paste aus dieser Datei übernommen, weil es exakt um diese Thematik geht.)
> Sicher ist, dass Märchen nicht zum Spaß oder zur bloßen Unterhaltung erfunden wurden.
> Das hatte System, weil sich esoterische Wahrheiten eben viel länger halten wenn sie zudem
> noch spannend vermittelt werden.
Ganz sicher hat hierbei auch die Redaktionsarbeit der Brüder Grimm eine wichtige Rolle gespielt. Die Brüder Grimm sahen nämlich in den Märchen spätere Überbleibsel älterer Mythen und hatten das Ziel, die „Trümmer des Mythos“ aus den verschiedenen Fassungen zusammenzusuchen, um eine Art Urform zu rekonstruieren (vgl. Max Lüthi: Märchen).
> Und meiner Meinung nach enthalten moderne Märchen (im Fernsehen z.B., vor allem auch
> Science-Fiction oder Fantasy) teilweise ebensoviel Symbolik wie die älteren, was auf
> Drehbuchautoren mit entsprechendem Hintergrundwissen schließen lässt.
Ganz speziell folgende Fantasy-Filme kann ich in diesem Zusammenhang empfehlen:
- Der Tag des Falken (USA 1985, Richard Donner)
- Dinotopia (USA/Großbritannien/Deutschland 2002, Marco Brambilla)
- Hinter dem Horizont (USA 1998, Vincent Ward)
- Der dunkle Kristall (USA/Großbritannien 1982, Jim Henson, Frank Oz )
- Jagd auf den Schatz der Riesen (USA 2001, Brian Henson)
- Matrix (nur Teil 1) (USA 1999, Larry und Andy Wachowski)
- Momo (Bundesrepublik Deutschland 1986, Johannes Schaaf)
- Die unendliche Geschichte – Teil 1 (Bundesrepublik Deutschland 1984, Wolfgang Petersen)
- Die unendliche Geschichte – Teil 2 (Deutschland 1990, George Miller)
- Always (USA 1989, Steven Spielberg; wenig Symbolik, trotzdem sehr interessant)
Im Zusammenhang mit der esoterischen Deutung von Märchen, Mythen und Fantasyfilmen wurde ich im Laufe der letzten Jahre immer wieder auf J. R. R. Tolkiens „Herrn der Ringe“ angesprochen. Dessen Verfilmung ist ganz unbestritten ein beeindruckendes Meisterwerk, aber für eine esoterische Interpretation ist der Stoff leider ziemlich ungeeignet. Es gibt bestenfalls Einzelmotive, die man deuten oder wiedererkennen kann. Der Film und auch die Romanvorlage verwenden zwar etliche Motive aus der nordischen Mythologie und es gibt auch Anklänge an den „Ring der Nibelungen“, aber auf der symbolischen Ebene transportiert der Film keinerlei esoterisches Wissen. Das Gut-böse-Schema bleibt eindimensional, und wenn es überhaupt so etwas wie eine Botschaft gibt, dann ist es diese: „Widerstehe den Verführungen der Macht.“ Tolkien hat sich im Vorwort seines Romans sogar ganz ausdrücklich gegen eine allegorische Deutung seines Romans ausgesprochen:
Was irgendwelche tiefere Bedeutung oder „Botschaft“ betrifft, so gibt es nach der Absicht des Verfassers keine. Das Buch ist weder allegorisch noch aktuell.
(J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe, Band 1, Verlagsgemeinschaft Ernst Klett, Stuttgart,
1981, 9. Auflage der kartonierten Sonderausgabe, Seite 11)
Dabei unterschied Tolkien Anwendbarkeit und Allegorie: Die Anwendung eines Motivs liege in der Freiheit des Lesers, die Allegorie wolle hingegen eine ganz bestimmte „Bedeutung“ vermitteln. Daher ist auch kaum zu erwarten, dass man in der Symbolik des Romans eine ganz bestimmte esoterische Botschaft entdecken oder entschlüsseln kann.
Herzliche Grüße
Elias