ja EO, ich habs gelesen. das prinzip ist wunderbar, nur der mann an sich ist ein wenig kontrovers. egal. mit permakultur l?sst sich einiges anstellen. und das ist gut so.
Permakultur
Der Krameterhof liegt im Tauerngebirge. Kaum zu glauben: Hier oben, auf 1300 Metern ?ber Meer, bei 4,2 Grad Jahresdurchschnittstemperatur und mit Frostn?chten bis minus 20 Grad, bl?hen Kiwi- und Zitronenb?ume. Die Edelkastanien stehen sieben, acht Meter hoch. ?Nat?rlich ist das Spielerei, Experimentierfreude: Sie d?rfen sich nicht eine Zitronenplantage vorstellen da oben?, sagt der Bauer des Krameterhofs, Sepp Holzer. ?Doch hier wachsen massenhaft Gurken, Zucchini, K?rbisse und nat?rlich viel Obst. Wir haben tausende von Obstb?umen: ?pfel, Kirschen, Aprikosen, Pfirsiche ? das ist ein essbarer Wald von dort bis dr?ben.? Der Biobauer aus ?sterreich ist inzwischen weit herum bekannt f?r seine ausgekl?gelte Bewirtschaftungsart. Sein Erfolgsrezept: die Vielfalt nutzen, die Natur genau beobachten ? und sie arbeiten lassen, statt selber zu arbeiten.
Ich treffe den st?mmigen Bauern im olivgr?nen Tschopen mit angegrautem Vollbart im Badischen, wo er andere Landwirte ber?t. Er legt gleich los: Schon als Bub habe er beobachtet, wie Erdbeeren, die zwischen Steine gepflanzt wurden, viel gr?sser und s?sser wurden als jene vom Waldrand. ?Die Steine speichern die W?rme ? das ist der Kachelofeneffekt. Sie schwitzen, unter ihnen bildet sich Kondenswasser. Diese feuchten Orte sind ideal f?r Regenw?rmer, die den Pflanzen N?hrstoffe zur Verf?gung stellen, darum gedeihen die Erdbeeren so sch?n.?
Holzer betreibt seine eigene Art der ?Permakultur?. Diesen Begriff hat der Australier Bill Mollison, Tr?ger des Alternativen Nobelpreises (Right Livelihood Award), gepr?gt. Er steht f?r eine Kreislaufbewirtschaftung, die nat?rliche Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Tieren konsequent nutzt und auf Vielfalt setzt. ?Stellen Sie sich einen steilen Hang vor?, erkl?rt Holzer. ?Dort grabe ich eine Mulde, die windgesch?tzt und folglich w?rmer ist. Den W?rmeeffekt kann ich unterst?tzen, indem ich einen T?mpel anlege und hinten und vorne Steine anbringe. Die Sonne scheint ins Wasser und wird reflektiert. Die Steine speichern diese W?rme. Dank Brennglaseffekt und W?rmereflexion entsteht in der gesch?tzten Mulde ein Kleinklima wie in einem Backofen; zudem habe ich Feuchtigkeit gestaut.? In solchen ?Sonnenfallen? gedeihen besonders w?rmebed?rftige Pflanzen wie eben Kiwis oder Zitronen.
Eine Pflanze hilft der anderen
Als Sepp Holzer 1962 den Hof von seinem Vater ?bernahm, begann er mit der Umgestaltung der Steilh?nge. Mit Baggern liess er das steile Gel?nde terrassieren und Mulden f?r Teiche ausgraben. Heute sind die breiten Terrassen am Hang bewachsen mit W?ldchen und best?ckt mit H?gelbeeten. Und ?berall hat es Teiche und T?mpel, mehr als siebzig. ?Da ist eins mit dem andern durch Kan?le verbunden?, sagt Holzer, ?und in den Teichen schwimmen Regenbogenund Bachforellen, Hechte, Welse und Karpfen; es gibt auch Muscheln und Krebse. Das Leben in den Teichen reguliert sich selber, da muss ich nichts dazu tun. Und mit Turbinen produziere ich zudem Strom f?r unsere Betriebe.?
Sepp Holzer und seine Frau bewirtschaften den 45 Hektaren grossen Hof alleine und mit Gewinn. Wichtig sei, sagt Holzer immer wieder, dass man die Natur selber arbeiten lasse. Der Boden solle mit m?glichst geringem Energieaufwand genutzt werden. ?Wenn der Boden sehr feucht ist, kann ich dort einen Teich ausgraben und Fische z?chten. Wenn aber dort wertvolle Gr?ser und Knabenkr?uter (eine Orchideenart) wachsen, kann ich diese vermehren und eine Orchideenzucht beginnen oder Heilkr?uter anpflanzen, Kalmuswurzeln zum Beispiel. Ich muss die Vielfalt erhalten und erh?hen, damit erhalte ich das ganze System. Da hilft eine Pflanze der anderen, es kommt zu Wechselwirkungen und zu Symbiosen. Das ist das Wichtigste. Und das ergibt auch hochwertige Produkte, da wird die Nahrung zu deiner Medizin und nicht nur magenf?llend.?
Ich m?chte wissen, ob Holzer glaube, dass die gesamte Landwirtschaft, also auch die grossen Maisfelder hier im Badischen, mit dem Prinzip Permakultur bewirtschaftet werden k?nne? Nat?rlich funktioniere das ?berall, sagt Sepp an, und zwar zusammen mit Erbsen und Bohnen, die dem Boden Stickstoff liefern. Diese Erbsen und Bohnen seien nach der Maisernte zugleich Futter f?r Wildtiere, etwa Hasen oder Rehe, sowie f?r Schafe und Rinder. Oft s?e er drei oder vier Wochen vor der Ernte Klee, Salate und Herbstr?ben in den Mais ein. ?Die beginnen zu keimen, und wenn der Mais weg ist, bekommen sie Licht und werden von der Natur aufgerufen zu wachsen ? dann wirds gr?n da unten, Salat, R?ben, Weissklee ?, und im Nu hab ich wieder ein wunderbar gr?nes Feld, das ich mit den Rindern beweiden kann. Und wenn ichs sein lasse, kommt alles den Bodelebewesen zugute.?
Diese Prinzipien, sagt Holzer, liessen sich auch bei den Maisfeldern im Flachland anwenden. Monokulturen hingegen beuteten den Boden einseitig aus. Diese nackten, ungesch?tzten Felder, die er hier ?berall sehe, das sei komplett falsch. Da k?nne der Boden ausfrieren und Schaden erleiden; die Bodenlebewesen fl?chten im Winter, oder sie erfrieren eben. ?Der Boden muss immer bedeckt in den Winter gehen.? Er redet sich in Rage: ?Die moderne Landwirtschaft macht fast alles falsch. Die Erde wird ausgelaugt, die Pflanzen werden s?chtig gemacht. Der Mensch muss lenkend eingreifen, er hat das Hirn zum Lenken und nicht zum Bek?mpfen, aber er setzt es meist zum Bek?mpfen ein: Unkraut bek?mpfen, Ungeziefer bek?mpfen ? so bek?mpft man sich ein Leben lang selber.?
MitarbeiterInnen auf vier Beinen
Holzers Bewirtschaftung ist auf HelferInnen angewiesen. Schweine zum Beispiel: ?Die hundertk?pfige Herde macht die meiste Arbeit f?r mich, die ackert, eggt und d?ngt den Boden auch im ganz steilen und felsigen Gebiet.? Holzer h?lt robuste Schweinerassen wie das Schw?bisch-H?llische, das kroatische Turopolje- und das ungarische Mangalitza- Schwein mit seinem schwarzen, zottigen Fell. Die Schweine fressen Gras, Kartoffeln, Topinambur, Klee, Gem?se ? oder was es eben gerade hat. Beim W?hlen lockern sie den Boden auf. ?Wenn sie bei einer Kobe fertig sind, brauche ich sie nur in die n?chste Kobe zu f?hren, und dann kann ich eins?en, das ist alles fertig gemacht. Es gibt keine Schnecken, keine ?berpopulation ir-gendwelcher Schaderreger, die Schweine regulieren das. Da w?chst das sch?nste Gem?se und Getreide. Null Arbeit. Nur die Koben wechseln.? Schweine helfen auch, von Brombeergestr?pp und Brennnesseln ?berwuchertes Gel?nde zu regulieren: ?Da streuen wir Erbsen, Mais oder Bohnen. Die Schweine wittern das und graben und pfl?gen das Feld um. Diese Pfl?ge sind elastisch, die kommen ?berall hin; so kann ich die steilsten H?nge bewirtschaften.? Und er f?gt an: ?Die Gratispfl?ger rechnen sich noch ein zweites Mal: Wir verkaufen Fleisch sowie Jung-, Zucht und Mastschweine.?
Die Devise, dass es sich rechnen muss, gilt f?r den ganzen Hof. Obst und Gem?se verkauft Holzer nicht auf den M?rkten, das w?re viel zu aufwendig. Der Krameterhof ist Selbsternteland. Jedes Jahr kommen tausende von Leuten, um Obst und Gem?se zu ernten. ?Aber schreiben Sie in Ihre Zeitung?, insistiert der Bauer, ?dass man sich da anmelden muss, heuer sind wir schon ganz ausgebucht, da ist nur ein Platz, wenn jemand ausf?llt!? Daneben verkauft er Fische, Rinder, Schweine, Heilkr?uter, Pflanzensamen und B?ume. Auf dem Krameterhof wachsen 14 000 Obstb?ume. ?Wunderbare B?ume haben wir, viele verschiedene Apfelb?ume zum Beispiel, auch ganz alte Sorten?, sagt Sepp Holzer, ?und Kirschb?ume. Anfang Oktober habe ich die sch?nsten grossfruchtigen Maiherzkirschen oder Petzkirschen. Das sind alles selbst?ndige B?ume, die m?ssen nicht geschnitten werden. Denn wenn man B?ume schneidet ? ich hab ja Baumschulw?rter gelernt ?, dann muss man sie immer schneiden; sie werden abh?ngig und s?chtig. Die h?tten keine Chance hier oben. In jedem Lehrbuch steht, dass Obstb?ume ?ber 1000 Meter nicht mehr wachsen. Doch hier gedeihen sie pr?chtig, auf 1300 Meter.? Er verkaufe auch viele Obstb?ume. Ganze Lastz?ge gingen nach Schottland oder nach Deutschland. Das sei ein gutes Gesch?ft.
Ich, der Kiwibaum
Holzers Experimentierfreude hat auch das Interesse der Wissenschaft geweckt. ?Wir arbeiten eng mit der Uni Wien zusammen, und immer haben wir Praktikanten und Doktoranden auf dem Hof?, sagt Holzer. So verglich der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Rotter in seiner Dissertation den Obstbau auf einer Plantage mit dem auf Krameterhof- Terrassen. Er bilanzierte das Verh?ltnis zwischen Arbeitsaufwand und Ertrag und stellte fest, dass die Plantagenwirtschaft keineswegs effizienter ist. Und ?kologInnen der Uni Wien fanden auf dem Hof mehr br?tende Vogelarten ? darunter auch gef?hrdete ? als in den artenreichsten Biotopen Mitteleuropas wie etwa den Misch- oder Auenw?ldern.
Von der Hochschule f?r Bodenkultur in Wien habe er auch erfahren, erz?hlt Holzer, dass das Prinzip, nach dem er arbeite, Permakultur genannt werde. Und er erkl?rt es noch einmal: ?Also das ist eigentlich einfach. Ich muss mich in mein Gegen?ber hineinversetzen, in den Regenwurm oder in die Kiwipflanze. Wenn ich jetzt eine Kiwipflanze bin, dann will ich im Winter warm haben, sonst frier ich ja. Also muss ich den Steckling zwischen die Steine setzen, vielleicht dreissig, vierzig Zentimeter tief, wo die Sonne die Steine erw?rmt. Ja, die holzersche Permakultur, die muss man leben, damit man es erleben und vermitteln kann. Die kann man sich nicht kaufen und hinstellen lassen, das funktioniert nicht. Man muss dies als Ganzes begreifen und kann sich nicht bloss die Rosinen herauspicken.?
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