Habe hier was:
Von Adalbert Stifter
Kein Wort ist in der neuesten Zeit so oft ausgesprochen worden, als das Wort Freiheit; aber man kann ohne Übertreibung behaupten, daß unter Hundert, die es ausgesprochen, kaum Einer ist, der weiß, was Das sei.
Viele meinten, weil wir unter der vorigen Regierung nicht frei waren, so gelte jetzt Alles nicht mehr, was früher gegolten hat; Andere meinten, die Freiheit bestehe darin, daß man Alles thun dürfe, was man nur wolle, und daß, wenn früher Ausgelassenheit, Trunkenheit, Geschrei, Verwegenheit und Dergleichen als schlecht und verachtungswürdig betrachtet wurde, Dies jetzt nicht mehr der Fall sei, und daß Der, der recht lärmt und sich ungebärdig stellt, der Allerfreieste sei.
Wieder Andere glaubten, jetzt dürfe man gar keine Begierde mehr unterdrücken; denn sonst sei man ja gar nicht frei, und Manche, die sich gar keinen Begriff machen konnten, meinten zuletzt, die Freiheit sei etwas, was uns Alle überhaupt glücklich mache, und jetzt sei es gut, man brauche sich nicht weiter umzuschauen.
Tugend, Bildung und Vernunft
Daher meinten sie, wenn Einer keine Arbeit habe, sei ein Anderer schuldig, sie ihm zu geben, und wenn keine vorhanden ist, so müsse er ihm den Unterhalt auch ohne Arbeit geben. Ja Viele sagten, die Besitzer hätten nun lange genug besessen, und es müßten jetzt die Anderen wohlhabend werden, die es bisher nicht waren. Mehrere glaubten endlich sogar, daß die Freiheit völlige Gleichheit sei, daß Keiner dem Andern mehr Achtung schuldig sei, daß Tugend, Bildung und Vernunft den einen Menschen nicht besser mache, als den andern, der sie nicht hat, ja daß die Verständigeren und Gebildeteren der Freiheit gerade schädlich seien, weil sie den beliebigen und außerordentlichen Forderungen der Andern entgegen traten. So meinten die Leute.
Diese Freiheit wäre so verworren, wie der babylonische Thurm; sie wäre aber auch verbrecherisch und würde uns unter die Thiere herabstürzen. Bei ihr wäre keine Familie mehr möglich und kein Eigenthum; denn das Weib könnte beliebig von dem Mann gehen, der Mann von dem Weibe, und der Knecht könnte das Eigenthum des Herrn begehren.
Diese Freiheit wäre die der Thiere im Walde, die auch thun dürfen, was sie wollen, aber gegen die man auch thun darf, was man will. So frei waren damals die Menschen, als sie noch ganz wild waren und noch nicht zum Schutze in einen Staat getreten waren. Es durfte Jeder Alles thun; aber wenn Zwei zusammen gingen und Einen erschlugen, so hatte Dieser keine Hilfe, und er war das unfreieste Ding, das man sich in der Welt denken kann. Darum traten sie aber zusammen in den Staat, machten Gesetze, die sie schützten, und setzten eine Gewalt ein, die die Gesetze aufrecht hielt. Jetzt waren sie frei, und jetzt konnte sie Keiner mehr zwingen.
Die menschliche Freiheit ist also etwas ganz Anderes, als pure Ausgelassenheit. Wir sind freilich in einem Stücke Alle ganz gleich, aber nur in diesem einzigen Stücke, nämlich wir haben Alle vor Gott die nämliche Pflicht, immer besser, rechtschaffener und sittlicher zu werden.
Arm und Reich, Groß und Niedrig
Diese Pflicht hat Arm und Reich, Groß und Niedrig, Mächtig und Schwach. Diese Pflicht macht den Menschen zum Menschen und unterscheidet ihn von dem Thiere, das weder Tugend noch Laster kennt. Diese Pflicht hat der Mensch allein, und er darf in derselben nicht gestört werden.
Das aber ist die menschliche Freiheit, daß Keiner den Menschen in der Pflicht der Sittlichkeit und Tugend stören darf. Keiner darf den Menschen stören, wenn er sich ein Weib in der Ehe verbindet, wenn er liebe Kinder hat und sie in Gottesfurcht und Rechtlichkeit erzieht, wenn er sich durch ehrliche Arbeit ein Vermögen zu erwerben oder das von seinen Eltern empfangene zu erhalten sucht, wenn er sich und die Seinigen immer edler zu machen und immer mehr mit Kenntnissen zu bereichern strebt, und wenn er zuletzt mit Ruhe und Gelassenheit seinem Tode entgegen sieht.
Er darf aber auch zur Erreichung dieser Dinge von keinem Andern, etwas fordern, wodurch der Andere dann seine Pflichten nicht erfüllen könnte. Dadurch sind wir dann Alle frei, dadurch sind wir dann Alle gleich. Darum verlangt gerade die echte Freiheit die meiste Selbstbeherrschung, die Bändigung seiner Begierden, die Gerechtigkeit, daß man dem Andern nicht zu nahe trete, daß man sich nicht willkürlich räche, sondern einen Schiedsrichter einsetze, der den Streit ausgleiche, und daß man für sich eher zu Wenig fordere, als zu Viel.
Darum ist die echte Freiheit viel schwerer auszuführen und verlangt einen viel tüchtigeren Mann, als die Schreier wissen, die für sich einen ungeheuren Haufen von Freiheit verlangen, für Andere aber nichts.
Der österreichische Schriftsteller und Maler Adalbert Stifter wurde am 23. Oktober 1805 in Oberplan geboren.
Er starb nach einem schweren Leberleiden am 28. Januar 1868 in Linz.
Dieser Text ist ca. 150 Jahre alt!