Vorwort:
Das Gesetz
Tu was du willst, soll sein das Ganze des Gesetzes.
Mit redlichem Herzen komme her und lausche: denn ich, TO MEGA
THERION, habe dieses Gesetz jedem gegeben, der sich heilig h?lt. Ich
bin es und kein anderer, der deine ganze Freiheit will, und das Aufgehen
des vollen Wissens und der Macht in dir.
Siehe! Das K?nigreich Gottes ist in dir, ebenso wie die Sonne ewig am
Himmel steht, sowohl um Mitternacht wie am Mittag. Sie geht nicht auf,
noch geht sie unter; nur der Schatten der Erde ist es, der sie verbirgt,
oder die Wolken auf ihrem Antlitz.
La? mich dir also dieses Mysterium des Gesetzes erkl?ren, wie es mir
an verschiedenen Orten bekanntgegeben wurde, auf den Bergen und in
den W?sten, aber auch in gro?en St?dten, und dieses sage ich, damit
du Trost und Mut darin findest. Und so sei es f?r euch alle!
Wisse zun?chst, da? aus dem Gesetz vier Strahlen oder Emanationen
entspringen, so da?, wenn das Gesetz das Zentrum deines eigenen
Wesens ist, sie dich notwendigerweise mit ihrer geheimen G?te erf?llen
m?ssen. Und diese vier sind Licht, Liebe, Leben und Freiheit.
Durch das Licht sollt ihr auf euch selbst blicken und alle Dinge
gew?hren, die in Wahrheit nur ein Ding sind, dessen Name Kein Ding
genannt worden ist, aus einem Grunde, welcher euch sp?ter erkl?rt
werden wird. Aber die Substanz des Lichtes ist Leben, da es ohne
Dasein und Kraft nichts w?re. Durch das Leben seid ihr daher zu euch
selbst gemacht, ewig und unzerst?rbar, strahlend wie Sonnen, selbsterschaffen
und selbst-erhalten, jeder das einzige Zentrum des
Universums.
Wie ihr nun durch das Licht wahrnehmt, so f?hlt ihr durch die Liebe. Es
gibt eine Ekstase reinen Wissens, und eine andere reiner Liebe, und
diese Liebe ist die Kraft, welche verschiedene Dinge vereinigt, damit
man sie im Lichte ihrer Einheit betrachte. Wisse, da? das Universum
nicht in Ruhe ist, sondern in ?u?erster Bewegung, deren Summe Ruhe
ist. Und diese Erkenntnis, da? Stabilit?t Wechsel und Wechsel Stabilit?t
ist, da? Sein Werden und Werden Sein ist, ist der Schl?ssel zum
goldenen Palaste dieses Gesetzes.
Aus der Freiheit schlie?lich kommt die Kraft, deine Bahn deinem Willen
gem?? zu lenken. Denn der Umfang des Universums ist ohne Grenzen,
und ihr seid frei, euch nach eurem Willen Freude zu machen, da doch
die Mannigfaltigkeit des Daseins auch unendlich ist. Denn darin liegt
ebenfalls die Freude des Gesetzes, da? nicht zwei Sterne gleich sind,
und ihr m?sset auch begreifen, da? diese Vielf?ltigkeit selbst Einheit ist,
und ohne sie k?nnte Einheit nicht sein. Und dies ist ein harter Spruch f?r
den Verstand: ihr sollt begreifen, da?, wenn ihr euch ?ber den Verstand
erhebt, welcher nur eine T?tigkeit des Gem?tes darstellt, ihr zum reinen
Wissen durch unmittelbare Wahrnehmung der Wahrheit gelangt.
Wisset auch, da? diese vier Emanationen des Gesetzes auf allen
Pfaden leuchten: ihr sollt sie nicht nur auf den Hauptstra?en des
Universums anwenden, von denen ich geschrieben habe, sondern auch
auf jedem Nebenpfade eures t?glichen Lebens.
Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen.
I. ?ber die Freiheit
Von der Freiheit will ich euch zun?chst schreiben, denn wenn ihr nicht
frei seid zu handeln, so k?nnt ihr nicht handeln. Dennoch m?ssen alle
vier Gaben des Gesetzes in gewissem Grade ge?bt werden, da diese
vier eins sind. Aber f?r den Strebenden, der zum Meister kommt, ist das
erste, was er braucht, Freiheit.
Die gro?e Fessel aller Fesseln ist Unwissenheit. Wie soll ein Mensch frei
handeln k?nnen, wenn er nicht seine eigene Bestimmung kennt? Zu
allererst mu?t du daher herausfinden, welcher Stern von allen Sternen
du bist, deine Beziehung zu den anderen Sternen um dich herum, deine
Beziehung zum Ganzen und deine Identit?t mit ihm.
In unseren heiligen B?chern sind verschiedene Mittel angegeben, wie
man zu dieser Entdeckung gelangt, und jeder mu? sie f?r sich selbst
machen, indem er absolute ?berzeugung durch unmittelbare Erfahrung
erlangt, nicht nur durch Vern?nfteln und Berechnen von dem, was
wahrscheinlich ist. Und einem jeden wird das Wissen seines endlichen
Willens zukommen, durch welchen der eine ein Dichter, einer ein
Prophet, einer ein Stahlarbeiter, ein anderer ein Steinarbeiter ist. Aber
jedem sei auch das Wissen seines unendlichen Willens gegeben, seine
Bestimmung, das Gro?e Werk zu vollbringen, die Verwirklichung seines
wahren Selbstes. Von diesem Willen la?t mich daher deutlich sprechen,
da er alle betrifft.
Erkennt nun, da? in euch eine gewisse Unzufriedenheit ist. Analysiert
ihre Natur gut: am Ende derselben liegt in jedem Falle die eine
Schlu?folgerung. Das B?se entspringt aus dem Glauben an zwei Dinge,
an das Selbst und das Nicht-Selbst und den Zwiespalt zwischen ihnen.
Auch dies ist eine Beschr?nkung des Willens. Wer krank ist, ist im
Zwiespalt mit seinem eigenen K?rper: wer arm ist, befindet sich in
Uneinigkeit mit der Gesellschaft; und so in allen andren F?llen. Letzten
Endes besteht daher das Problem darin, wie diese Wahrnehmung der
Dualit?t zerst?rt werden kann, um das Begreifen der Einheit zu erlangen.
Nun la?t uns annehmen, da? ihr zum Meister gekommen seid, und da?
Er euch den Weg dieser Vollendung erkl?rt hat. Was hindert euch dann?
Ach! Dann liegt viel der Freiheit noch immer in der Ferne.
Versteht folgendes recht: wenn ihr eures Willens und eurer Mittel sicher
seid, dann sind alle Gedanken und Handlungen, welche gegen diese
Mittel sind, auch gegen diesen Willen. Wenn daher der Meister euch ein
Gel?bde heiligen Gehorsams abverlangen sollte, so ist ein Eingehen
darauf nicht ein Aufgeben des Willens, sondern nur dessen Erf?llung.
Denn siehe, was hindert euch? Es kommt entweder von au?en oder von
innen, oder von beiden Seiten. F?r den Suchenden von starkem Geiste
mag es leicht sein, der ?ffentlichen Meinung zu trotzen, oder die Dinge,
die er liebt, in gewissem Sinne aus seinem Herzen zu rei?en; aber es
werden noch viele zwiesp?ltige Neigungen in ihm bleiben, wie auch die
Fesseln der Gewohnheit, und auch diese mu? er besiegen. In unserem
heiligsten Buche steht geschrieben: "Du hast kein Recht als das, deinen
Willen zu tun. Tue diesen, und kein anderer soll nein sagen." Schreibt es
auch in eure Herzen und in euer Hirn: denn dies ist der Schl?ssel der
ganzen Angelegenheit.
Hier mag die Natur selbst euch predigen; denn in jedem Ph?nomen der
Kraft und der Bewegung verk?ndet sie laut diese Wahrheit. Selbst in
einer solchen Kleinigkeit, wenn ein Nagel in ein Brett geklopft wird,
vernehmt diese selbe Predigt. Euer Nagel mu? hart, glatt und spitz sein,
sonst dringt er nicht schnell in der gewollten Richtung ein. Nun stellt
euch einen Nagel aus Brennholz mit zwanzig Spitzen vor - wahrlich, er
ist kein Nagel mehr. Und dennoch sind fast alle Menschen ihm gleich.
Sie begehren zehn verschiedene Laufbahnen; und die Kraft, die
vielleicht ausgereicht h?tte, um in einer einzigen Bedeutung zu erlangen,
wird auf die anderen verschwendet; sie sind gleich Null.
Hier la?t mich offen beichten und folgendes sagen: Obwohl ich mich fast
schon im Knabenalter dem Gro?en Werke gelobte, obwohl mir die
m?chtigsten Kr?fte im ganzen Universum zu Hilfe kamen, um mich
daran festzuhalten, obwohl mich die Gewohnheit selbst jetzt in die
richtige Bahn hineinzwingt, so habe ich dennoch meinen Willen nicht
erf?llt: t?glich wende ich mich von der festgelegten Arbeit ab. Ich
schwanke. Ich stocke. Ich zaudere.
Mag dies euch allen ein gro?er Trost sein, da?, wenn ich so
unvollkommen bin - und weil ich mich sch?mte, habe ich nicht mehr
Nachdruck auf diese Unvollkommenheit gelegt - wenn ich, der Erw?hlte,
noch versage, wie leicht ist es dann f?r euch, ?ber mich hinauszugehen.
Oder solltet ihr mir auch nur gleich werden, wie gro?e Vollendung
w?rdet ihr dann erlangen! Seid darum guten Mutes, da doch mein
Versagen, sowohl als auch mein Erfolg, Gr?nde des Mutes f?r euch
sind.
Ich bitte euch, erforscht euch aufs Genaueste und analysiert eure
innersten Gedanken. Und zuerst sollt ihr all die groben, deutlich
sichtbaren Hemmungen f?r euren Willen aufdecken; Tr?gheit, t?richte
Freundschaften, nutzlose Besch?ftigungen oder Vergn?gungen, ich will
die Verschw?rer gegen die Wohlfahrt eures Staates nicht aufz?hlen.
Danach suchet das Minimum der t?glichen Zeit, welche wirklich als
Ruhe f?r euer nat?rliches Leben notwendig ist. Die ?brige Zeit sollt ihr
den wahren Mitteln eurer Vollendung widmen. Und sogar diese
notwendigen Stunden sollt ihr dem Gro?en Werke weihen, indem ihr
euch allezeit w?hrend dieser Arbeiten bewu?t sagt, da? ihr sie nur tut,
um euren K?rper und Geist gesund zu halten, zur rechten Anwendung
f?r jenes erhabene und einzige Ziel.
Ihr werdet sehr bald zu der Einsicht kommen, da? ein solches Leben
wahre Freiheit ist. Ablenkungen von eurem Willen werdet ihr als das
empfinden, was sie sind. Nicht l?nger werden sie angenehm und
anziehend erscheinen, sondern als Fesseln, als Schande. Und wenn ihr
diesen Punkt erreicht habt, so wisset, da? ihr das mittlere Tor dieses
Weges durchschritten habt. Denn ihr werdet euren Willen zur Einheit
gebracht haben.
Gerade so w?rde ein Mensch, der in einem Theater sitzt, wo das Spiel
ihn langweilt, jede Zerstreuung willkommen hei?en und an jedem Vorfall
Vergn?gen finden; doch w?re er mit ganzer Aufmerksamkeit beim Spiel,
so w?rde ihn jeder solche Zwischenfall verdrie?en. Seine Einstellung
diesen gegen?ber ist also ein Anzeichen seiner Einstellung dem Spiel
selbst gegen?ber.
Zuerst ist es schwierig, sich an Aufmerksamkeit zu gew?hnen. Wenn du
ausharrst, wirst du periodisch krampfhafte Ablenkungen haben. Der
Verstand selbst wird dich angreifen und sagen: Wie kann eine so starke
Bindung der Pfad der Freiheit sein?
Harre aus. Bisher hast du die Freiheit noch nicht gekannt. Sind die
Versuchungen ?berwunden, die Stimme des Verstandes zum
Schweigen gebracht, dann wird deine Seele ungehindert vorw?rts
st?rmen auf ihrer erw?hlten Bahn, und zum erstenmale wirst du das
unb?ndige Entz?cken erfahren, Herr deines Selbstes zu sein und damit
des Universums.
Ist dies ganz erreicht, sitzest du sicher im Sattel, dann kannst du auch
jene Zerstreuungen genie?en, die dich zuerst erg?tzten und dann
verdrossen. Von nun an werden sie nichts derartiges mehr tun; denn sie
sind deine Sklaven und Spielzeuge.
Bis du nicht diesen Punkt erreicht hast, bist du nicht vollst?ndig frei. Die
Begierde mu?t du t?ten, und die Furcht mu?t du t?ten. Das Ende von all
diesem ist die Macht, in ?bereinstimmung mit deiner eigenen Natur zu
leben, ohne die Gefahr, da? sich ein Teil zum Nachteile des Ganzen
entwickelt, und ohne die Sorge zu haben, da? Gefahr entstehen k?nnte.
Der Trunkenbold trinkt und ist betrunken; der Feigling trinkt nicht und
schaudert; der Weise, tapfer und frei, trinkt und gibt dem h?chsten Gotte
Ehre.
Dies ist also das Gesetz der Freiheit; du besitzest alle Freiheit in deiner
eigenen Rechten, aber du mu?t das Recht durch Macht st?tzen; deine
Freiheit mu?t du dir in mancher Schlacht erringen. Wehe den Kindern,
die in der Freiheit schlafen, die ihnen ihre Vorv?ter gewonnen haben!
"Es gibt kein Gesetz, au?er Tu was du willst"; aber nur die Gr??ten der
Rasse sind es, die die Kraft und den Mut haben, ihm zu gehorchen.
O Mensch, sieh dich selbst an! Mit wieviel Leiden wurdest du gestaltet!
Wieviele Zeitalter sind nicht zu deiner Gestaltung dahingegangen! Die
Geschichte des Planeten ist in die gesamte Substanz deines Gehirns
verwebt! War das alles umsonst? Ist kein Ziel in dir? Wurdest du so
geschaffen, damit du issest, dich vermehrst und stirbst? Denke das
nicht! Du verk?rperst so viele Elemente, du bist die Frucht so vieler
Aeonen der Arbeit; so wie du bist und nicht anders, bist du zu einem
gewaltigen Ziele gebildet.
Spanne denn deine Nerven an, suche es und vollbringe es, nichts kann
dich befriedigen, als die Erf?llung deines erhabenen Willens, der in dir
verborgen ist. Daf?r also auf, zu den Waffen! Gewinne dir selbst deine
Freiheit! K?mpfe kraftvoll!
II. ?ber die Liebe
Es steht geschrieben "Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen." Hierin
liegt ein Arkanum verborgen, denn in der griechischen Sprache hat
AGAPE, Liebe, denselben Zahlenwert wie THELEMA, Wille. Hieraus
erkennen wir, da? der Universale Wille seiner Natur nach Liebe ist. Nun
ist die Liebe das Entflammen in Ekstase von Zweien, die den Willen
lieben, Eins zu werden. Somit ist es eine universale Formel hoher
Magie. Denn sieh hin, wie alle Dinge, die durch Trennung in Leid
geraten sind, notwendigerweise Einheit als ihr Heilmittel wollen.
Hier wacht auch die Natur ?ber diejenigen, welche an ihrer Brust
Weisheit suchen; denn in der Vereinigung von Elementen
entgegengesetzter Polarit?t entsteht eine Strahlenpracht von Hitze, Licht
und Elektrizit?t. So gewahren wir auch in der Menschheit die spirituelle
Frucht der Poesie und allen Genies, die aus einem Samen entsteht, der
in der Bewertung derjenigen, welche im philosophischen Denken
geschult sind, nichts als eine tierische Geste ist. Und es ist als
bedeutsam zu beachten, da? die heftigsten und g?ttlichsten
Leidenschaften zwischen Menschen von g?nzlich unharmonischem
Wesen bestehen.
Aber nun m?chte ich, da? ihr wi?t, da? es im Geiste keine solchen
Beschr?nkungen in bezug auf die Spezies gibt, die einen Menschen
davon abhalten k?nnten, sich in einen unbeseelten Gegenstand oder
eine Idee zu verlieben. Denn demjenigen, der in irgend einer Weise auf
dem Wege der Meditation fortgeschritten ist, erscheinen alle
Gegenst?nde, mit Ausnahme des Einen Gegenstandes, unangenehm,
so wie vorher seine fl?chtigen W?nsche dem Willen. So m?ssen also
alle Gegenst?nde vom Geiste ergriffen und im siebenfachen
Schmelzofen der Liebe erhitzt werden, bis da? sie mit der Explosion der
Ekstase sich verbinden und verschwinden; denn da sie unvollkommen
sind, werden sie in der Sch?pfung der vollendeten Vereinigung
vollkommen zerst?rt, ebenso wie die Personen des Liebenden und der
Geliebten in das geistige Gold der Liebe verschwei?t werden, die keine
Pers?nlichkeit kennt, sondern alles umfa?t. Aber da jeder Stern nur ein
Stern und das Zusammentreffen von zwei beliebigen nur eine
eingeschr?nkte Wonne ist, so mu? der nach unserer heiligen
Wissenschaft und Kunst Strebende best?ndig durch diese Methode der
Assimilation von Ideen wachsen, damit er am Ende f?hig werde, das
Universum in einem Gedanken zu umfassen, sich mit der gesammelten
Wucht seines Selbstes darauf zu st?rzen, und, sie beide zerst?rend,
jene Einheit zu werden, deren Name Kein Ding ist. Suchet euch alle
daher best?ndig in Entz?cken mit jedem Dinge, das ist, zu vereinigen,
und zwar durch h?chste Leidenschaft und Lust nach Vereinigung. Zu
diesem Zwecke nehmt haupts?chlich solche Dinge, die von Natur aus
absto?end sind. Denn das, was angenehm ist, wird leicht und ohne
Ekstase assimiliert; die Verwandlung des Ekelhaften und Abscheulichen
in das Geliebte ist es, wodurch das Selbst bis auf die Wurzel in Liebe
ersch?ttert wird. Was sollen wir, die wir uns von allen niederen Gesetzen
befreit haben, nun tun, um unseren Willen zur Einheit zu befriedigen?
Wir haben keine geringere Geliebte als das Universum! Bedenke, da?,
so wie die Liebe m?chtig genug ist, alle Ekstase hervorzubringen, so ruft
Mangel an Liebe die gr??te Begierde hervor. Wer in der Liebe
verschm?ht wird, leidet in der Tat, aber in wessen Herzen jene
Leidenschaft nach einem Dinge nicht lebendig ist, der wird gequ?lt vom
Schmerz der Begierde. Und dieser Zustand wird mystische "Trockenheit"
genannt. Dagegen gibt es, so glaube ich, keine andere Heilung als
geduldiges Ausharren in einer Regelung des Lebens.
Indes hat diese Trockenheit ihre Tugend, weil dadurch die Seele von
den Dingen gereinigt wird, die den Willen behindern; denn wenn die
Trockenheit ganz vollkommen ist, dann ist es sicher, da? die Seele
durch kein anderes Mittel befriedigt werden kann, als durch die
Vollbringung des Gro?en Werkes. Und dies ist in starken Seelen ein
Ansporn f?r den Willen. Der Ofen des Durstes ist es, der alle Schlacken
in uns verbrennt.
Aber jedem Willensakt entspricht eine besondere Art der Trockenheit;
und in dem Ma?e, als die Liebe in dir zunimmt, w?chst auch die Pein bei
ihrer Abwesenheit. Mag dir auch dies ein Trost in der Pr?fung sein! Je
wilder ?brigens die Qual des Unverm?gens ist, um so rascher und
pl?tzlicher pflegt sie nachzulassen.
Die Methode der Liebe in der Meditation ist wie folgt: Der Strebende ?be
sich zun?chst und schule sich sodann in der Kunst, die Aufmerksamkeit
nach seinem Willen auf irgend einen beliebigen Gegenstand zu
sammeln, ohne die denkbar geringste Abschweifung zu gestatten. Er
?be auch die Kunst der Analyse von Ideen, sowie auch die, das Gem?t
an seiner nat?rlichen Reaktion auf dieselben zu hindern, sei sie
angenehm oder unangenehm, wodurch er sich in Einfachheit und
Gleichmut festigt. Sind diese Dinge in der F?lle ihrer Zeit vollbracht, so
sollst du wissen, da? alle Ideen f?r deine Auffassung gleich geworden
sein werden, insofern, als jede einfach und jede indifferent ist. Jede
beliebige bleibt gewollt im Gem?t, ohne sich zu r?hren oder sich zu
str?uben, oder das Bestreben zu haben, in eine andere ?berzugeben.
Aber jede Idee wird eine besondere Eigenschaft haben, die allen
gemeinsam ist: n?mlich, da? keine von ihnen das Selbst ist, da sie vom
Selbst als etwas Entgegengesetztes wahrgenommen wird.
Wenn dies vollst?ndig und gr?ndlich verwirklicht ist, dann ist f?r den
Strebenden der Augenblick gekommen, seinen Willen zur Liebe darauf
zu richten, so da? sein ganzes Bewu?tsein im Brennpunkte dieser Einen
Idee gesammelt wird. Und im Anfang ist sie vielleicht fest oder tot oder
nur leicht festgehalten. Dies geht dann vielleicht in Trockenheit oder in
Abwehr ?ber. Dann wird schlie?lich durch reines Ausharren in jenem
Willensakte zur Liebe die Liebe selbst entstehen, als Vogel, als Flamme,
als Gesang, und die ganze Seele wird sich auf den feurigen Schwingen
der Musik zum h?chsten Himmel des Besitzes erheben.
Nun gibt es in dieser Methode viele Wege und Stra?en, einige einfach
und direkt, andere verborgen und geheim, ebenso wie es mit der
menschlichen Liebe ist, von der kein Mensch auch nur mehr als die
ersten Skizzen zu einer Karte gemacht hat: denn die Liebe ist unendlich
in ihrer Mannigfaltigkeit, wie die Sterne es sind. Aus diesem Grunde
?berlasse ich es der Liebe selbst, als Meister im Herzen eines jeden von
euch zu wohnen: denn sie wird euch recht lehren, wenn ihr nur mit Flei?
und Verehrung ihr dient bis zur vollen Hingabe.
Auch sollt ihr nicht an den seltsamen Streichen Ansto? nehmen, die sie
euch spielen wird, noch euch dar?ber wundern, denn sie ist ein
launischer Knabe und ausgelassen, erfahren in den Listen der
Aphrodite, unserer Herrin, ihrer holden Mutter; und alle ihre Scherze und
Grausamkeiten sind W?rzen in einer Mischung, der keine Kunst
gewachsen ist.
Freuet euch daher an all ihrem Spiele, vermindert keineswegs euren
Eifer, sondern ergl?ht unter dem Antrieb ihrer Peitsche und macht selbst
aus dem Lachen ein Sakrament, das der Liebe dient, so wie im Weine
von Rheims sowohl Gefunkel als Sch?rfe ist, als w?ren es Ministranten
f?r den Hohenpriester ihres Rausches.
Es ist auch notwendig, da? ich euch von der Bedeutung der Reinheit in
der Liebe schreibe. Zwar betrifft diese Sache in keiner Weise den
Gegenstand oder die Methode der ?bung; das Wesentliche ist aber das,
da? kein fremdes Element eindringe, und dies ist von h?chster
Wichtigkeit f?r den Strebenden bei der anf?nglichen und weltlichen Seite
seines Werkes, in dessen Methode er sich durch seine nat?rlichen
Neigungen festigt.
Denn wisse, da? alle Dinge Masken oder Symbole der Einen Wahrheit
sind, und die Natur ist allezeit dazu da, auf die h?here Vollendung unter
dem Schleier der niederen Vollendung hinzuweisen. So soll denn alle
Kunst und List menschlicher Liebe dir als eine Hieroglyphe dienen; denn
es steht geschrieben, Das, was oben ist, ist gleich dem, das unten ist;
und Das, was unten ist, ist gleich dem, das oben ist.
Deshalb geziemt es dir auch, dich wohl zu h?ten, da? du nicht in irgend
einer Weise in dieser Frage der Reinheit versagst. Denn obgleich auch
jede Handlung auf ihrer eigenen Ebene vollst?ndig sein mu? und kein
Einflu? von irgend einer anderen Ebene dazwischentreten oder sich
damit vermischen soll, weil das alles Unreinheit ist, so sollte doch jeder
Akt in sich so vollst?ndig und vollkommen sein, da? er ein Spiegel der
Vollendung jeder anderen Ebene ist und dadurch am reinen Lichte des
H?chsten teilnimmt. Da ferner auch alle Handlungen auf jeder Ebene
Handlungen des Willens in Freiheit sein sollen, so sind alle Ebenen in
Wirklichkeit nur eine; und so soll der niedrigste Ausdruck irgend einer
T?tigkeit jenes Willens gleichzeitig ein Ausdruck des h?chsten Willens
oder des einzigen Wahren Willens sein, welcher bereits in der Annahme
des Gesetzes liegt.
Verstehe auch recht, da? es nicht n?tig oder richtig ist, nat?rliche
T?tigkeiten irgendwelcher Art auszuschalten, wie gewisse falsch
denkende Leute, Eunuchen des Geistes, zur Vernichtung Vieler h?chst
unw?rdig lehren. Denn jedem Dinge, was es auch sei, wohnt seine
besondere, ihm eigent?mliche Vollendung inne, und die
Vernachl?ssigung der vollen Auswirkung und Funktion irgend eines
Teiles bringt Verzerrung und Degeneration f?r das Ganze. Wirke daher
auf alle Weise, aber verwandle die Wirkung aller dieser Wege in den
Einen Weg des Willens. Und dies ist m?glich, weil alle Wege in Wahrheit
nur Ein Weg sind, das Universum ist in sich selbst Eines, und sein
Erscheinen als Mannigfaltigkeit ist die Hauptillusion, deren Vernichtung
gerade das Ziel der Liebe ist.
Im Werk der Liebe gibt es zwei Prinzipien, das des Bemeisterns und das
des Nachgebens. Aber ihre Natur ist schwer zu erkl?ren, denn sie sind
zart und werden am besten im Laufe der Operationen von der Liebe
selbst gelehrt. Es kann aber allgemein gesagt werden, da? die Wahl der
einen oder der anderen Formel automatisch erfolgt, denn sie ist das
Werk jenes innersten Willens, der in euch lebendig ist. Sucht also nicht,
diese Entscheidung bewu?t herbeizurufen, denn hierin kann der wahre
Instinkt nicht irren. Nun aber schlie?e ich, ohne weitere Worte; denn in
unseren heiligen B?chern sind viele Einzelheiten der wirklichen Werke
der Liebe geschrieben. Und diejenigen sind die besten und wahrsten,
welche am feinsten in Symbol und Bild geschrieben sind, besonders in
Trag?die und Kom?die, denn die ganze Natur dieser Dinge ist dieser Art;
das Leben selbst ist nur die Frucht der Blume der Liebe.
Darum mu? ich euch notwendigerweise jetzt vom Leben schreiben,
angesichts der Tatsache, da? ihr es durch einen jeden Willensakt in der
Liebe erschafft; eine geheimnisvollere und freudvollere Quintessenz, als
ihr erahnt; denn das, was die Menschen Leben nennen, ist nur der
Schatten jenes wahren Lebens, eures Geburtsrechtes, und die Gabe
des Gesetzes von Thelema.