Odessa: Keine Tragödie sondern ein gezieltes Pogrom
Posted on Mai 8, 2014
Die Hintergründe der Eskalationen in Odessa. Nationalistisch-faschistische
Kräfte – von Kiew orchestriert – exekutierten oder erschlugen
offensichtlich einige ihrer Opfer. CIA und FBI beraten das Regime in
Kiew. Medien in Deutschland leisten dem rechten Terror in der Ukraine
teilweise Rückendeckung
Von SEBASTIAN RANGE
Die Gewalteskalation in Odessa, bei der am Freitag über vierzig
Menschen starben, war – so Beobachter vor Ort – keine Tragödie, das
Verbrennen Dutzender Menschen keine Verkettung unglücklicher Umstände.
Es war ein kaltblütig organisiertes Massaker durch faschistische Kräfte.
Der paramilitärische Rechte Sektor hatte Hunderte seiner Anhänger, die
sich zumeist aus der Ultraszene eines Charkower Fußballclub rekrutieren,
nach Odessa geschickt. Dort taten sie sich mit örtlichen
Ultranationalisten zusammen, um in die Schlacht zu ziehen.
„Schon zu Anfang (…) fiel unter den gewöhnlichen rechtsradikalen
Fußballfans eine Gruppe gut ausgerüsteter Kämpfer mit Schilden, Helmen,
Knüppeln, Luft- und Infanteriewaffen auf“, heißt es in einem Bericht der
linken ukrainischen Organisation Borotba.
Ziel der rechten Kämpfer war ein von Gegnern der Kiewer
Putschregierung nach Vorbild des Maidan errichtetes Zeltlager vor dem
Gewerkschaftshaus, das entgegen der Darstellung einiger Medien nicht
zuvor von „prorussischen Aktivisten“ – wie auch kein anderes Gebäude ein
Odessa – besetzt worden war.
Die Aktivisten des Protestcamps, viele davon Ältere und Frauen, waren
unbewaffnet und den rund eintausend gut organisierten Angreifern
hoffnungslos unterlegen.
Unter Einsatz von Schusswaffen, Gasgranaten und Molotowcocktails
trieben die nationalistischen Angreifer die Menschen in das
Gewerkschaftshaus, nachdem das Zeltlager abgebrannt worden war. Doch die
Zufluchtstätte wurde zu einem Massengrab, als die Faschisten unter
Parolen wie „lasst sie uns abfackeln“ oder „alle bis auf den Letzten
umbringen!“ Feuer legten und dafür sorgten, dass niemand die Ausgänge
verlassen konnte. Herbeieilende Feuerwehrwagen wurden von den
Maidan-Anhängern in Beschlag genommen, um den Löscheinsatz zu
verhindern. Auch sonst waren die Ereignisse von bestialischen Szenen
geprägt. Viele von denen, die sich vor den Flammen durch einen Sprung
ins Freie retten wollten, wurden Opfer eines regelrechten Blutrausches,
in den sich die Faschisten gesteigert hatten: Sie erschlugen ihre Opfer
wie Vieh.
Nicht alle, die in dem Haus den Tod fanden, kamen durch Flammen oder
den Rauch um. Wie Augenzeugen berichten, drangen Maidan-Anhänger bereits
vor Brandlegung in das Gebäude ein und exekutierten ihre Gegner
regelrecht. Es soll weitaus mehr Tote gegeben haben, als von Kiew
gemeldet werden. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben noch
nicht. Bildaufnahmen mancher Leichname aus dem Inneren des Gebäudes
lassen gezielte Hinrichtungen vermuten. Ein besonders verstörendes Foto
zeigt eine tote Frau, die sich in einem Zimmer befand, dass offenbar von
jeglicher Brandeinwirkung verschont geblieben war. Die Hochschwangere
war offenbar erdrosselt worden.
Kiew führt einen Krieg gegen das Volk
Führend beteiligt an dem Massaker war neben Einheiten des Rechten
Sektors die „14. Hundertschaft der Selbstverteidigung des Maidan“, eine
besonders gewalttätige Schlägertruppe, die ebenso wie Gruppen des
Rechten Sektors in die „Nationalgarde“ eingegliedert worden war.
Der ehemalige „Kommandant des Maidan“, Andrij Parubi, der einst die
faschistische Sozial-Nationale Partei (heute Swoboda) mitgründete und
mittlerweile der Vaterlandspartei angehört, ist nun Vorsitzender des
Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine und damit
maßgeblich verantwortlich für den Aufbau und Einsatz der Nationalgarde.
Ebenso wie sein enger Weggefährte Dmytro Jarosch, Führer des Rechten
Sektors, befand sich Parubi am Freitag in Odessa. Das legt die Vermutung
nahe, die beiden Rechtsradikalen könnten bei den Ereignissen ihre
Finger im Spiel gehabt haben.
Nach dem Massaker wurden die Anhänger des Rechten Sektors unter
Polizeischutz wieder nach Charkow geleitet, während mehr als einhundert
überlebende Opfer des Pogroms festgenommen wurden. Rund die Hälfte von
ihnen wurde von Tausenden Demonstranten, die am Sonntag das örtliche
Polizeigebäude belagerten, wieder befreit. Die restlichen Gefangenen
sind nach Angaben Kiews bereits in die Zentralukraine verbracht worden.
Ihnen soll der Prozess wegen „Separatismus“ gemacht werden.
Weil mit der „14. Hundertschaft des Maidan“ Mitglieder der
Nationalgarde an dem Pogrom beteiligt waren, trägt de facto das Regime
in Kiew die politische Verantwortung. Deren „Ministerpräsident“ Arseni
Jazenjuk machte allerdings in einem Gespräch mit der BBC die örtlichen
Sicherheitskräfte dafür verantwortlich und beschuldigt „prorussische
Demonstranten“, die Gewalt „provoziert“ zu haben.
Unbestritten ist seit dem Wochenende, dass Dutzende US-Spezialisten
von CIA und FBI das Regime in Kiew beraten. Sie sind im Auftrag der
US-Regierung in Kiew und sollen laut Bild am Sonntag helfen, „die
Rebellion im Osten des Landes zu beenden und eine funktionsfähige
Sicherheitsstruktur aufzubauen“.
Das russische Außenministerium sieht in der „Tragödie von Odessa“
einen weiteren Beleg für „Kiews kriminelles Vertrauen auf Gewalt und
Einschüchterung“.
Zeitgleich mit der von Kiews Anhängern forcierten Eskalation in
Odessa wurde die von Einheiten der Nationalgarde, des Rechten Sektors
und loyaler Armeeeinheiten aus der Westukraine durchgeführte
„Anti-Terror-Operation“ in der Ostukraine massiv ausgeweitet. In
Slawjansk und Kramatorsk sowie anderen Ortschaften kam es zu
Feuergefechten, Schätzungen gehen von Dutzenden Toten aus, darunter
Zivilisten.
Panzer, Kampfhubschrauber, schwere Artillerie und Scharfschützen
wurden gegen die aufständische Bevölkerung in Stellung gebracht.
Inzwischen musste selbst „Präsident“ Alexander Turtschinow eingestehen,
dass die „Anti-Terror-Operation“ in Wahrheit ein Krieg gegen das eigene
Volk ist. „Sagen wir doch mal ehrlich: Die Bürger dieser Regionen
unterstützen die Separatisten, sie unterstützen die Terroristen, was die
Durchführung der Anti-Terror-Operation erheblich erschwert“, erklärte
Turtschninow am Sonntag. Und er beklagte, dass viele Polizisten im Osten
mit den „prorussischen Kräften sympathisieren“.
Lob für die Mörder
Auf twitter und in sozialen Netzwerken bejubeln Anhänger des Rechten
Sektors und des Euro-Maidan das grausame Massaker von Odessa. Doch sogar
von Regierungsverantwortlichen gab es Lob.
[Blockierte Grafik: http://250kb.de/u/140507/j/eQXWkXFByfSA.jpg]
Selbst dem stramm auf antirussischem Kurs segelnden Spiegel fiel die
„verstörende Sprache“ auf, mit der die ukrainischen Behörden und Medien
das Massaker kommentierten. „Während in Odessa Menschen verbrannten,
meldeten ukrainische Medien geradezu triumphierend, ‚Patrioten‘ hätten
die ‚Separatisten zurückgeschlagen‘. Man sei dabei, sie erfolgreich
‚auszuräuchern‘.“
Der Gouverneur des Gebiets, Wladimir Nemirowsky, fand lobende Worte
für die Mörder. „Ausgerechnet die Brandstifter, deren Feuer Dutzende
Menschen das Leben gekostet hat, nahm der Gouverneur ausdrücklich in
Schutz: Um ‚bewaffnete Terroristen zu neutralisieren‘ sei das Vorgehen
‚legal” gewesen‘, zitiert ihn der Spiegel.
Auch Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko von der
Vaterlandspartei, von der durch ein geleaktes Telefonat bekannt ist,
dass sie am liebsten Millionen russischsprachiger Ukrainer mit
Atombomben auslöschen möchte, begrüßte das Pogrom. Das Verbrennen der
Menschen habe dem „Schutz von Verwaltungsgebäuden“ gedient, die
Maidan-Brandstifter seien „friedliche Demonstranten“.
Auch die Kiewer „Regierung“ verhöhnte die Opfer und deckte die Täter:
Sie machte wahlweise den russischen Geheimdient FSB, De-Jure-Präsident
Janukowitsch oder gar die sich im Gebäude aufhaltenden „Terroristen“ für
den Brand verantwortlich. Auch die Falschmeldung, wonach sich unter den
Toten hauptsächlich Menschen aus Russland und Transnistiren befunden
hätten, stammte von der Kiewer „Regierung“.
In den Stellungnahmen westlicher Politiker wird der Massenmord in
Odessa zwar bedauert, eine Benennung oder gar Verurteilung der Täter
unterbleibt indes.
„Die Tragödie von Odessa muss ein Weckruf sein! Gewalt löst nur Gegengewalt aus“, erklärte
Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Samstagmorgen in Berlin. „Wenn
dem jetzt nicht Einhalt geboten wird, kann der Moment kommen, an dem
sich alles nicht mehr stoppen lässt. Deshalb darf von den politisch
Verantwortlichen aller Seiten nicht noch mehr Öl ins Feuer gegossen
werden. Das fängt schon bei der Wahl der Worte an: Martialische
Kriegsrhetorik macht alles nur noch schlimmer.“
Auch NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sprach anlässlich der
Ereignisse in Odessa von einem „Weckruf“, verband diesen jedoch mit
jener martialischen Rhetorik, die Steinmeier anprangerte. Die
NATO-Länder müssten aufrüsten, Truppen und Ausrüstung nach Osten
verlagern, Russland sei als „Gegner“ zu betrachten – immerhin sprach er
in Bezug auf Russland nicht von einem „Feind“, wie es der
stellvertretende NATO-Generalsekretär Alexander Vershbow noch vergangene
Woche tat.
Bulgariens Außenminister Kristian Wigenin kam zu einer anderen
Einschätzung als seine westlichen Amtskollegen. Er bezeichnete die
Ereignisse in Odessa als „ungeheuerlich“ und forderte Kiew auf, die
paramilitärischen Gruppen zu entwaffnen. „Die ukrainischen Behörden
haben die eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen und den Einfluss
rechtsradikaler Ultranationalisten einzuschränken“, erklärte der
Minister am Samstag. Kiew müsse endlich die Vereinbarungen des Genfer
Abkommens umsetzen.
Deutsche Medien: Rückendeckung für faschistische Banden
Selten wurde ein Pogrom in seinem ganzen Ablauf so gut dokumentiert.
Auf unzähligen Videos, viele davon selbst von den prahlenden Tätern ins
Netz gestellt, ist der Tathergang genau nachzuvollziehen.
Das Pogrom von Odessa steht auch für einen neuen Tiefpunkt in der
Ukraine-Berichterstattung der deutschen Massenmedien. Seit Tagen weigern
diese sich beharrlich, den Ablauf sowie die Mörder klar zu benennen.
So hätten sich „Kontrahenten in Odessa schwere Straßenschlachten“,
geliefert, „dabei wurde das zentrale Gewerkschaftshaus in Brand gesetzt,
wo Dutzende Menschen starben“, lautet eine der Formulierungen, mit der
Täter und Opfer unkenntlich gemacht werden.
Als gelte es, ein sich unter Ausschluss menschlicher Mitwirkung
vollziehendes Naturereignis zu beschreiben, ist gar die Rede von „einem
Feuer, das bei Kämpfen zwischen prorussischen Kräften und ukrainischen
Regierungsanhängern in einem Gewerkschaftsgebäude ausgebrochen war“.
Der Spiegel ging noch einen Schritt weiter. Sich auf einen Reporter
des britischen Guardian berufend, berichtete das Hamburger Magazin zwar
korrekt, dass „zunächst ein Zeltlager prorussischer Demonstranten vor
dem Gewerkschaftsgebäude in Flammen aufging“, unterschlug jedoch die
Information, wer es in Brand setzte. „Daraufhin hätten sich Aktivisten
aus dem Camp in dem fünfstöckigen Bau verschanzt“, so der Spiegel. „Dann
wurde die Situation vollends chaotisch: Aus dem Gebäude flogen
Brandbomben und Steine“. Daraufhin hätten „ukrainische Aktivsten“ das
Gebäude gestürmt. Ein Pogrom wird zum Akt der Selbstverteidigung.
Exemplarisch für diese Form der Propaganda steht die
Berichterstattung der ARD. Als erstes gingen die tagesthemen am
Freitagabend auf den Brand im Gewerkschaftshaus ein. Korrespondentin
Golineh Atai, die seit Monaten aus der Ukraine berichtet und kaum einen
Hehl aus ihrer Sympathie für die nationalistische Maidan-Bewegung macht,
wusste immerhin zu berichten, dass nach gewalttätigen
Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern der Kiewer
Regierung, für die sie allein „prorussische Aktivisten“ verantwortlich
machte, die Maidan-Anhänger ihre Gegner „eingekesselt“, „in die Enge“
und schließlich in das Gewerkschaftshaus „getrieben“ haben, um sodann
das Gebäude mit Molotowcocktails in Brand zu setzen.
Über Nacht muss dann bei den Redakteuren des Senders eine Amnesie
eingesetzt haben. Denn in der tagesschau vom Samstag war von
Brandstiftung oder gar Hinweisen auf die Täter nicht mehr die Rede. „Bei
schweren Auseinandersetzungen geriet ein Gebäude der Gewerkschaft in
Brand, mehr als vierzig Menschen kamen dabei ums Leben“, leitete die
Sprecherin den Beitrag aus der Schwarzmeer-Hafenstadt ein.
„Odessa am Tag danach, vor dem ausgebrannten Gewerkschaftsgebäude
trauern die Menschen um die Opfer, für manche russischsprachige
Einwohner stehen die Schuldigen für das Inferno bereits fest“, heißt es,
gleich so, als stünden die Schuldigen – von der ARD am Tag zuvor selbst
benannt – nicht tatsächlich bereits fest. Und weiter: „Am Vorabend
waren auf der Flucht vor den Flammen zahlreiche Menschen in den Tod
gestürzt. Dutzende Menschen erstickten im Inneren des Gebäudes.
Brandursache waren offenbar Molotowcocktails“ – kein Wort darüber, wer
die Täter und wer die Opfer waren.
„Zuvor hatten prorussische Aktivisten mit Knüppel und Schusswaffen
eine Großdemonstration für die Einheit der Ukraine angegriffen“ –
unterlegt wird diese Sequenz mit Bildern, die vermummte und bewaffnete
Demonstranten zeigen, die eine Polizeikette durchbrechen.
Ukraine schwerpunkt
Was den meisten Zuschauern kaum auffallen dürfte: Kommentar und Bild
widersprechen sich. Die gezeigten Demonstranten gehören dem Rechten
Sektor an, unschwer an ihren schwarz-roten Armbinden zu erkennen. CNN
hatte am gleichen Tag einen längeren Ausschnitt des Filmmaterials
gezeigt. Darin ist deutlich zu erkennen, wie hinter der Polizeisperre
Maidan-Anhänger, die Ukraine-Fahne schwingend, auf ihre Gegner
einprügeln. Die Mitglieder des Rechten Sektors wollen ihre
Gesinnungsgenossen dabei unterstützen, und versuchen deshalb, die
Polizeisperre zu durchbrechen. Hingegen kommt die Darstellung der
tagesschau durch die perfide Täter-Opfer-Umkehr einer gezielten
Manipulation gleich. Absicht oder Dummheit? Zumindest unverantwortlich
für einen öffentlich-rechtlichen Sender, den die Regularien eines
Staatsvertrages zur Wahrheit verpflichten.
Dazu gehört ebenso das konsequente Leugnen der Existenz gewalttätiger
faschistisch-nationalistischer Kräfte, was unter anderen der
Grünen-Politiker Werner Schulz in der Sendung Anne Will noch zwei Tage
vor dem Pogrom von Odessa zum Besten geben konnte. Für ihn sind sie ein
„Popanz“, der auf russischer Propaganda basiert..
Quelle: http://indexexpurgatorius.wordpress.com/2014/05/08/ode…zieltes-pogrom/