Hallo,
am gestrigen Tag jährte sich die Katastrophe zum 19. mal . Seit 19 Jahren ist mein Leben nicht mehr wie es einst mal war , da ich mit an Bord war auf der ESTONIA . Ich war mit 2 Freunden auf einer Ostseetour unterwegs gewesen und wir hatten sehr viel Spaß gehabt und hatten viele Städte an der Ostsee besucht . Talinn war quasi unsere letzte Station gewesen und wir wollten mit der ESTONIA nach Stockholm rüber und von dort weiter mit dem Auto zurück nach Deutschland .
Ich weiß noch wie wir nachmittags in Talinn ankamen und unbeschwert und ohne böse Gedanken auf dieses Schiff uns begaben . Wir 3 hatten eine Innenkabine welche sauber und gemütlich eingerichtet war . Als die ESTONIA Abends auslief hatte keiner von uns dreien einen Gedanken das was passiert gar das solche Katastrophe uns überschatten wird , im Gegenteil wir hatten die Ausfahrt genossen und viele Fotos gemacht . Hätte ich gewusst das was passieren würde wäre ich nie mit diesem Schiff mitgefahren und bis heute bereue ich das ich mit diesem Schiff mitgefahren bin und 2 meiner besten Freunde verloren habe .
Kurz nach Mitternacht war ich noch im Restaurationsdeck und hatte das rege Treiben dort beobachtet und unterhielt mich noch mit einigen der Passagiere . Meine beiden Freunde waren schon in unsere Kabine gegangen , da die beiden leider seekrank waren , da die ESTONIA wegen dem Wind schlingerte seit dem Auslaufen aus Talinn . Ich kann mich bis heute noch sehr gut dran erinnern das die ESTONIA wohl den Kurs geändert haben musste , da das Schiff nicht mehr schlingerte sondern gegen die See/Wind fuhr , was mich aber nicht beunruhigte . Etwa 10 Minuten nach diesem Kurswechsel konnte man 2 Detonationen hören und ich meine das eine aus dem Vorschiffbereich kam und die andere etwa aus dem Mitschiffbereich . Ich persönlich hatte gedacht das vielleicht etwas umgefallen/umgestürzt war . Etwa ca. 10 Minuten nach diesen Detonationen bekam die ESTONIA eine starke Schlagseite nach Steuerbord rüber , so das einige der Gläser , Stühle usw. umfielen , jedoch hatte ich immer noch gedacht das das vom schlechten Wetter käme . Da die Schlagseite immer stärker wurde ging ich rüber zur Backbordseite und verließ das Restaurationsdeck und kam endlich zum Bootsdeck hin . Ich weiß bis heute noch das die ESTONIA nicht mehr fuhr ! sondern stillstand und man konnte die Motoren hören . Da die Schlagseite immer derber wurde bekam ich langsam die Panik , da KEIN Alarm zu hören war geschweige das das Personal Rettunsgwesten rausgab gar Durchsagen machte . Ich kann mich bis heute noch an die beiden Männer erinnern die Overalls trugen mit dem Reedereilogo auf dem Rücken und für mein Begriff aus dem Maschinenraum kamen , da diese Ohrenschützer bei sich trugen . Diese beiden Männer sprach ich an was passiert sei und bekam KEINE Antwort gar ein Hinweis das das Schiff sinkt . Beide Männer gingen zu einer der vielen Rettungsinseln und schubsten eine davon über die Reling und retteten sich ! . Ich bin der Meinung das nach dieser Aktion ca.40 Menschen mit mir auf dem Bootsdeck waren und versuchten sich zu retten , da immer noch KEIN Alarm ausgelöst wurde gar Durchsagen . Mit 3 Personen haben wir uns dann eine der Rettungsinseln genommen und diese versucht über die Reling zu schubsen was nicht gelang , da die ESTONIA fast schon auf der Seite lag . Viele von uns , darunter ich , sind dann über die Reling geklettert und sind dann langsam über die Bordwand gerutscht in Richtung Meer . Bei diesem runterrutschen an der Bordwand , bin ich an vielen Fenstern vorbei gekommen und habe viele Gesichter gesehen die versucht hatten die Fenster einzuschlagen was nicht gelang . Ich möchte hier betonen das noch IMMER Licht auf der gesamten ESTONIA brannte ! . Diese Gesichter dieser verzweifelten Menschen sehe ich bis heute noch und werde das nicht los .
Beim runterrutschen über die Bordwand hatte ich dann gemerkt das die ESTONIA ganz auf der Seite lag , plötzlich konnte man auch die sogenannten Schwingerleisten sehen und den Rumpf bzw. Unterwasserschiff . Ich kann mich noch gut erinnern das im Meer paar Rettungsinseln geöffnet trieben und dort schon einige Menschen drin waren . Ich bin dann in diese kalte Ostsee reingerutscht und wurde von 2 Männern in die Rettungsinsel hineingezogen und hatte erkennen können das wir zu neunt waren , darunter auch eine junge Frau welche später wegen der Unterkühlung starb . Alle von uns hatten KEINE Rettungswesten an sich sondern nur die nackten Klamotten welche durchnässt waren . Wegen des Winds der herrschte schaukelte die Rettungsinsel enorm und wir alle versuchten vom Schiff weg zu kommen was sehr mühsam uns gelang . Während wir von dem Schiff uns abwandten , hatten wir noch 3 Personen in die Rettungsinsel hineingezogen und hatten gesehen , das irgendwas von oben herab auf das Schiff blitzte (heute weiß ich das irgendwer Fotos gemacht hat die auch im Internet zu sehen sind und , ich behaupte bis heute das diese Fotos von einem anderen Schiff gemacht wurden , da es Blitzlicht war). Von der Rettungsinsel konnten wir dann sehen wie die ESTONIA mit dem Heck zuerst sank und , ich betone hier : die ESTONIA hatte beim Untergang ihre Bugklappe noch dran ! . Ferner war von einem Schiff ein Scheinwerfer auf das sinkende Schiff gerichtet worden ! , dieses Schiff ist dann aber weg gefahren von der Untergangsstelle , ich bin der Meinung das das ein grosser Schlepper gewesen sein musste , dieser war weißlich mit dunklen Streifen .
Einer von uns hatte eine Seenotrakete abgeschossen welche in der Rettungsinsel lagen , mit der Hoffnung das das unbekannte Schiff uns rettet aber das war nicht der Fall ! . Ich bin der Meinung es muss gegen 5 Uhr morgens gewesen sein als uns ein schwedischer Hubschrauber gefunden hatte und jeden von uns barg . Im Hubschrauber habe ich erkennen können das es sich um einen schwedischen Rettungshubschrauber gehandelt hatte , und dieser Hubschrauber kam von Gotland (dieses wird immer noch verneint von der Untersuchungsbehörde , da wir alle von finnischen Hubeschraubern gerettet worden sein sollen) und ist mit uns nach Utö geflogen , wo wir dann in ein Krankenhaus gekommen sind . Im Krankenhaus bin ich dann untersucht und vernommen worden . Ich kann mich noch sehr gut erinnern das am nächsten Tag 2 Männer zu mir kamen ans Bett , welche sehr gut deutsch sprachen und mir sagten das für mich die Rückreise nach Deutschland organisiert ist und das sie vom deutschen Konsulat aus Stockholm kämen .
Diese beiden Männer sind dann mit mir nach Stockholm geflogen am 2. Tag und haben mich zu einer SAS Maschine gebracht welche nach Hamburg flog . Ich möchte hier betonen , das auf meine Fragen ob meine Freudne überlebt hätten , man mir KEINE Antwort gegeben hat sowie man versucht hatte , mir auszureden was ich in der Nacht auf der ESTONIA erlebt hatte ! , besonders das dort ein unbekanntes Schiff gewesen war und , das die beiden Detonationen welche man sehr gut gehört hatte niemals da gewesen wären ! .
In Hamburg , bin ich dann von Freunden abgeholt worden und diese hatten mich dann zu mir nach hause nach Kiel gebracht . Ich will nun nichts falsches behaupten aber , es muss m.E. mitte Oktober gewesen sein als ich plötzlich zuhause von 3 Männern aufgesucht worden bin , diese gaben sich als Mitarbeiter der Hamburger Staatsanwaltschaft zu erkennen und hatten mich zuhause vernommen und ausgehorcht . Dabei machte einer von den dreien dauernd Notizen , die anderen beiden fragten mich aus was ich gesehen und erlebt hätte und , meine Antworten wurden als Schockerlebnis gewertet , da auch diese 3 Männer der Meinung waren das das alles nicht so passiert wäre d.h. das was ich gesehen und erlebt hatte , durfte nicht stimmen !! ferner , ich habe es als Drohung erlebt , wurde mir gesagt ich sollte nochmal überlegen was ich gesehen und erlebt hätte . Auch das man von der Rettungsinsel aus SEHR GUT erkennen konnte das die ESTONIA noch ihre Bugklappe dran hatte als sie sank , wurde verneint von den 3 Männern .
Ich bin im November 94 von einem Anwalt aus Stockholm angeschrieben worden , das ich zur Untersuchungskommision nach Stockholm kommen müsse um dort meine Aussage niederzulegen bzw. dort aus zusagen . Dieser Anwalt sollte nicht nur die Hinterbliebenden vertreten sondern auch die Überlebenden . Ich bin nicht nach Stockholm gefahren , da ich 2 Tage vor der Abreise nach Stockholm erneut aufgesucht wurde von 2 Männern die sich als Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Hamburg ausgaben und mir offenbarten das ich nicht nach Stockholm kommen müsse , sowie auch nicht der Anordnung der Untersuchungskommision Folge leisten soll/muss , da meine Aussagen nicht stimmen da ich ein Schockerlebnis gehabt hätte was man nicht bewerten kann .
Ich weiß nur eins , die ESTONIA ist versenkt worden und wir alle sollten ertrinken , da während des Untergangs KEIN Alarm ausgelöst wurde gar Durchsagen geschweige das das Personal uns half . Ich habe in der Nacht nicht nur 2 gute Freunde verloren , sondern die Hölle erleben dürfen und , es gibt bis heute Nächte wo ich schweißgebadet im Bett sitze und die Schreie von Menschen höre die auf der ESTONIA waren , besonders die Gesichter sehe ich oft welche ich beim runterrutschen von der Bordwand hinter den Fenstern gesehen habe . Gesichter voller Angst und Verzweifelung . Ich bin in all den Jahren nur 2x am Jahrestag an der Untergangsstelle gewesen mit vielen Hinterbliebenden und auch Überlebenden , ich frage mich nur warum man von uns Überlebenden Fotos gemacht hat als wir an der Untergangsstelle waren um dort einen Blumenstrauß ins Meer zu werfen !? , ich habe bis heute noch das Gefühl als wenn man uns/mich mundtod machen will , nur weil ich was weiß was andere nicht wissen dürfen .
LG aus Kiel