Dann erklär mir bitte, warum er in seinem Video ziemlich Struktur- und Naturwissenschaften durcheinanderwürfelt
Was meinst du mit durcheinanderwürfeln?
je enger wir die Punkte zueinander machen, desto mehr konvergiert die Länge gegen Unendlich - Standard-Mathematik;
Das ist dann genau das, was in diesem Video gesagt wurde, oder?
Ein Standardverfahren, was sich durch die ganze Wissenschaftsgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts zieht: wenn die Theorie schön ist, aber es ein Problem gibt, biegen wir die Definitionen zurecht, dass es wieder stimmt.
Dann war möglicherweise die Definition ungeeignet. Kann passieren.
Wer dies für unwissenschaftlichen Hokuspokus hält, dem sei gesagt, dass exakt dies auch Jahrzehnte später (als Computer leistungsfähig genug wurden), die mathematische Rechtfertigung für Finite-Elemente-Methoden (Standard in der Computersimulation von (z. B. mechanischen) Bauteilen) liefert.
Unwissenschaftlich wird es aber, wenn falsch verstandene Religion, Ideologie oder persönliche Motive sich mit wissenschaftlicher Arbeit mischen und dies dazu führt, dass man den Tunnelblick bekommt, also in selektiver Wahrnehmung die Hinweise ignoriert, die eine bevorzugte Theorie widerlegen könnten.
Während Atheisten eine recht homoge Gruppe (im Sinne eines geteilten Wertesystems) bilden, ist dies bei gläubigen Menschen nicht der Fall. Böse ausgedrückt: jeder hat seinen Privatglauben. Deswegen kann ich auch nicht nachvollziehen, wenn in irgendwelchen Medienberichten Glaube vs. Nichtglaube (Atheismus) etc. beschworen wird - einfach weil Glaube alles sein kann.
Genauer betrachtet haben Atheisten sicherlich eine ebenso große Anzahl an Privatüberzeugungen wie Theisten. Es bringt nichts, irgendwelche speziellen Glaubenssysteme herauszupicken. Was hier zählt, ist der Unterschied, dass die einen an ein schöpferisches Prinzip (manche nennen es Gott) glauben, die anderen aber nicht.
die katholische Kirche (lässt sich aber auf die meisten anderen Glaubensgemeinschaften übertragen).
Eben sagtest du noch, dass Gläubige keine homogene Gruppe darstellen und jetzt lässt sich der doch sehr spezielle katholische Glauben auf die meisten anderen Glaubensgemeinschaften übertragen? Interessante Wendung.
Früher war es Lehrmeinung der Kirche, dass sich die Sonne um die Erde dreht - bis dann Kopernikus und Galilei kamen. In meinen Augen haben wir somit experimentell die katholische Kirche widerlegt
Wir gegen die klingt aber nicht sehr wissenschaftlich. Sollte es nicht besser um die Sache gehen, anstatt um Meinungen von Personen oder Gruppen? Du beziehst dich ja mit ein.
Die Kirche wurde nicht widerlegt. Sie steht nach wie vor etwa 1 km Luftlinie von hier. Was widerlegt wurde, ist das geozentrische Weltbild, das vorübergehend vom Vatikan offiziell vertreten wurde. Das war niemals das Fundament des christlichen Glaubens, sondern ein Irrtum, der wiederum auf den Fehler, materielle Wissenschaft mit Weltanschauung zu vermischen, zurückzuführen ist. Wahrscheinlich hast du den Thread nicht ganz durchgearbeitet (kostet ja auch etwas Zeit), denn genau das Thema wurde u.a. in diesem Video, das ich oben bereits eingebettet habe, auf anschauliche Weise behandelt.
(mittlerweile haben übrigens viele Religionsgemeinschaften daraus gelernt und lehren nur noch schwer falsifizierbare Aussagen;
Eine falsifizierbare Aussage ist keine religiöse Aussage im engeren Sinne. Die würde gar nicht in den Bereich des religiösen Glaubens fallen, sondern in den wissenschaftlichen.
obwohl ich persönlich gespannt bin, was in den nächsten Jahrzehnten die Neurowissenschaftler so alles entdecken werden, was Religionen wieder unter Zugzwang setzen wird).
Wenn du damit auf Experimente mit magnetisch induzierten Gotteserfahrungen anspielst, die gibt es schon längst und sie funktionieren. Man kann auf diese Weise auch Furcht auslösen. Das bedeutet nicht, dass Furcht keine echte Ursache hat. Eher im Gegenteil. Genau so wenig bedeutet es, dass es keinen Gott gibt. Aber das ist ein anderer Thread.
Bei vielem ist sogar wohlbekannt, dass es nicht die letzte Antwort sein kann
Letzte Antworten suchen viele auch in der Religion. Die Wissenschaft ist in dieser Hinsicht zwar nicht sonderlich ergiebig, aber die aktuellen Erkenntnisse sind auch schon recht nützlich. In der Religion jedoch sucht man nicht nach der Beschaffenheit und Funktionalität des Universums, sondern nach den Sinnfragen. Ein völlig anderes Ziel. Wo Wissenschaftler oder Gläubige meinen, sie müssten sich gegenseitig argumentativ bekämpfen, haben sie diesen Punkt nicht verstanden. Darüber kann ein gläubiger Wissenschaftler nur lachen.
[Blockierte Grafik: http://img171.imageshack.us/img171/3404/tafelbild.png]
was unterscheidet einen Anhänger einer "üblichen" Religion von einem Gläubigen an das Fliegende Spaghettimonster
Neben der Tradition (lat. tradere, überliefern) auch der Umfang und die Ernsthaftigkeit des gesamten dogmatischen Gebäudes, die nun wirklich nicht mit den paar flotten Sprüchen des Spaghettimonsterismus zu vergleichen sind, der sich ja selbst als Satire auf die amerikanischen Intelligent-Design-Anhänger versteht. Den Glauben an Gottes Wort muss man im Christentum schon voraussetzen, das sollte man auch als Ungläubiger einsehen, sonst fehlt nämlich jede Diskussionsgrundlage. Worüber man diskutieren und was wissenschaftlich untersucht werden kann, ist natürlich einerseits die Geschichte (z.B. Kreuzigung), aber auch die innere Schlüssigkeit und Logik der Lehre. Vereinfacht gesagt: Wenn jemand eine Aussage über Gott trifft, darf sie nicht im Widerspruch zu den Worten Jesu stehen, sonst entspricht sie nicht dem christlichen Glauben. Wie man religiöse Quellentexte richtig interpretiert, lernt man zum Beispiel im Theologiestudium. Da gibt es praktische Werkzeuge wie die historisch-kritische Methode, um den Fehler der Fundamentalisten zu vermeiden, die Texte wortwörtlich und nach heutigem Wortverständnis auszulegen. Ganz wichtig ist es auch, zu verstehen, dass viele Geschichten in einer Bildersprache geschrieben sind. Es ist eine Aufgabe der Religionswissenschaft, symbolische oder metaphorische Geschichten (z.B. über Wunder) und historische Ereignisse, die in der Bibel ebenfalls nachweislich vorkommen, auseinanderzuhalten.
Und wenn man sich den rasanten wissenschaftlichen Fortschritt des letzten Jahrhunderts anschaut - welchen Grund gibt es für die Annahme, dass Menschen, die vor mindestens 1000 Jahren religiöse Texte aufgeschrieben haben, ernsthaft Bescheid wussten?
Ich würde die Evangelisten nicht über die Funktionsweise meines Videorecorders befragen, aber die Logik der Trinität wäre sicher ein spannendes Thema. Übrigens, schon mal was von Pythagoras gehört? Der hatte höchstwahrscheinlich überhaupt keine Ahnung von Toastern!
Ich würde beispielsweise definitiv eine moderne Enzyklopädie gegenüber einer mittelalterlichen vorziehen.
Wenn du auf aktuelles Wissen zurückgreifen willst, ist das besser. Wenn du Mediävistik studierst, kann es in bestimmten Fällen wieder anders aussehen. Aber das ist ein anderes Thema.
wenn man beispielsweise davon ausgeht, dass die in der Bibel beschriebenen Wunder real waren (wo wohl fast alle gläubigen Christen zustimmen würden), heißt das doch definitiv, dass es im Universum irgendeinen Mechanismus gegen oder gegeben haben muss, aufgrund dessen solche Wunder sich manifestieren konnten.
Das setzt voraus, dass man die Wunder wörtlich versteht und nicht als Metaphern für spirituelle oder ethische Aussagen. Aber zum Mechanismus: Wunder brechen keine Naturgesetze. Gott als Schöpfer des Universums hat natürlich auch die Naturgesetze geschaffen. Ein Wunder aber ist ein außerordentlich erstaunliches Ereignis, das mit dem aktuellen Wissensstand nicht erklärt werden kann. Deshalb wundert man sich. Wunder:
"etwas, was in seiner Art, durch sein Maß an Vollkommenheit das Gewohnte, Übliche so weit übertrifft, dass es große Bewunderung, großes Staunen erregt" Duden
"Dabei ist zu beachten, dass die heutige Vorstellung von einem Wunder als "übernatürlich" erst in der Neuzeit entstand; sie setzt Wissen um die Existenz von Naturgesetzen voraus. Für die Menschen in Antike und Mittelalter hingegen, für die bereits Phänomene wie Blitz und Donner unerklärlich waren und die einer scheinbar ungeordneten, regellosen Umwelt gegenüberstanden, war die Grenze zwischen "Möglichem" und "Unmöglichem" weitaus durchlässiger." Wiki
Hauptsächlich aus dem jüdisch-christlichen Monotheismus heraus hat sich dann auf fruchtbaren Boden fallend eine Weltsicht entwickeln können, die dazu führte, dass man herauszufinden versuchte, nach welchen Gesetzen die Schöpfung geordnet war, also wie Gott die Welt geschaffen hat. So hat sich dann, ausgehend von den ersten Klosteruniversitäten des Abendlandes, nach und nach die Wissenschaft über die ganze Welt verbreitet, die uns heute dazu bewegt, solche Wunder zu hinterfragen.
kommen schnell Ausflüchte a la "in der Bibel ist doch manches nur bildlich gemeint" etc.
Das ist keine Ausflucht. Es wäre zutiefst dämlich, die Geschichten alle ausschließlich wörtlich zu verstehen. Genau das tun religiöse Fundamentalisten, aber auch atheistische Personen mit unreflektiertem Kirchenhass, weil es ihnen so in den Kram passt. Atheisten mit Verstand sehen sehr schnell ein, dass Simon Petrus nicht wortwörtlich Menschen mit Netzen aus einem See herausgefischt hat.
die Aussagen vieler Religionsgemeinschaften, die wissenschaftlich widerlegbar sind, wurden häufig widerlegt.
Zweifelsohne. Das ist auch sehr nützlich, weil dadurch besser unterschieden werden kann, was religiös ist und was man nur dafür hielt. Man könnte das mit Fug und Recht als Katharsis bezeichnen.
Jetzt wäre doch eigentlich mal der Zugzwang bei den Religionen, konkrete falsifizierbare Aussagen über das Universum zu treffen...
Nein, weil das, wie bereits dargelegt, weder Schach noch Tauziehen ist. Wenn eine Religionsgemeinschaft eine falsifizierbare Aussage trifft wie "die große Pyramide ist 138,75 Meter hoch", dann muss sie sich immer der Wissenschaft beugen, wenn eine Messung anderes ergibt. Die messbare Höhe einer Pyramide ist aber keine religiöse Aussage. Religiös kann die Höhe nur werden, wenn die Maße der Pyramide für die Religionsgemeinschaft eine numerologische Bedeutung haben. Zahlen haben in der Bibel nämlich auch eine eigene Semantik und dementsprechend sind die Geschichten zu verstehen, in denen sie vorkommen. Von der jüdischen Kabbalah will ich gar nicht erst zu erzählen anfangen.