Gute Nachrichten aus Afghanistan
Rundbrief des Vereins zur Unterstützung von Schulen in Afghanistan
Afghanistan – ein Land der Misserfolge, beherrscht von Krieg, Terror, Korruption und wirtschaftlich hoffnungslos, abhängig von ausländischen Geldgebern und in Sorge um die Zukunft, insbesondere nach den Unregelmäßigkeiten bei der letzten Wahl ….?
Das alles trifft zu, sicher. Aber es gibt eben auch unendlich viel anderes zu berichten: Von den Menschen und ih-rem Leben in den Städten und Dörfern. In den letzten Jahren hat sich viel getan: Viele große und kleine Straßen wurden gebaut, der Verkehr in den Städten beginnt nach Regeln zu funktionieren. Die Elektrifizierung erreicht immer mehr Orte und der Strom ist dort meist rund um die Uhr verfügbar. Wasser ist nach wie vor ein Problem, aber auch daran wird intensiv gearbeitet. Die Pumpstationen und Wasserleitungen vom Amu Darya bis in die Regi-on um Andkhoi sind fast fertig. Nun warten die Menschen auf das Folgeprojekt – die Leitungen bis in die Häuser. Dann werden sie endlich zumindest über Trinkwasser verfügen, das nicht versalzen ist. Auch das Wetter war gnädig in diesem Jahr, die Ernten sind gut. Das alles lässt hoffen –
vorausgesetzt, die Sicherheitslage verschlechtert sich nicht noch weiter. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, die vielen Kontrollposten an den Straßen sind eines der Zeichen dafür.
In Andkhoi spüren die Menschen natürlich auch diesen Druck, aber im Augenblick ist dort die Situation immer noch ruhiger als anderswo. Überall wird gebaut: Häuser, Schulen, Straßen, Geschäfte und Tankstellen. Täglich wurde irgendwo eine Hochzeit gefeiert – Musik bis spät in die Nacht. Auch wir konnten an einer Hochzeit teilneh-men: Rahmanquls Sohn Mardan heiratete Hafiza aus Andkhoi und feierte dort mit vielen Freunden, – ein schönes Fest, mit vielen Gedanken an unseren unersetzlichen Freund und Regionaldirektor Rahmanqul. Besonders freute es uns, dass wir an diesem Tag erfuhren, dass nun endlich das Lycee Khancharbagh in Rahmanqul Shaheed Lycee umbenannt wird, ebenso wie zwei andere Oberschulen nach den anderen beiden ermordeten Schulleitern benannt wurden.
Wir waren diesmal zwölf Tage in Andkhoi. So hatten wir Zeit genug, viele Schulen und Projekte zu besuchen. Ganz besonders beeindruckt haben uns die vielen jungen Menschen (130 Jungen, 60 Mädchen), die nicht nur die Schulen besuchen, sondern morgens ab 7 Uhr an Englisch- oder Computerkursen teilnehmen und nach der Schule in unserem Education Center (EC) Zusatzunterricht u.a. in den Fächern Dari, Englisch, Mathematik, Physik, Che-mie und Religion erhalten, um in drei Jahren den Unterrichtsstoff der letzten sechs Schuljahre zu vertiefen. Danach können sie noch ein halbes Jahr Extravorbereitung auf die Aufnahmeprüfung für die Universitäten erhalten. In zwei Treffen mit den Jungen und Mädchen erlebten wir sie unglaublich offen, wissbegierig, zielstrebig, kritisch und zugleich von Herzen dankbar für die Möglichkeit, sich mit der Hilfe unseres Vereins hier im EC auf ein Studium vorzubereiten. In den Händen solcher Jungen und Mädchen, die es im ganzen Land gibt, wird die Zukunft Afghani-stans sicher anders aussehen als die Vergangenheit.
Wie nötig Hilfe noch weiterhin ist, konnten wir an den staatlichen Schulen sehen. In einigen Schulen leisten die Schulleiter hervorragende Arbeit, halten Lehrer und Schüler an, ihr Bestes zu geben, sorgen dafür, dass eine gute Atmosphäre unter allen Mitarbeitern herrscht, die Gebäude gepflegt werden und auch verschiedene kulturelle und sportliche Aktivitäten in Gang kommen. Leider gibt es aber auch noch viele Schulen, die zwar gute Gebäude haben, nicht aber für guten Unterricht sorgen. Schulbücher für die Älteren sind kaum angekommen. Mal fehlen Lehrer, mal sind sie sehr schlecht ausgebildet. Die meisten Abgänger aus der 12. Klasse werden sofort als Lehrer einge-stellt, wenn sie nicht zur Universität zugelassen sind. Der Lehrerbedarf ist gewaltig, denn immer noch steigen die Schülerzahlen. Da aber oft schon ihr Unterricht sehr dürftig war, gekennzeichnet durch mangelndes Lehrerwissen und mangelnde Schulbücher, können auch sie nicht viel mehr weitergeben, als das was in den Büchern steht. Wir trafen Lehrerinnen, die Englischunterricht gaben, ohne je Englisch gelernt zu haben. Diese jungen Lehrer müssen drei Jahre lang nach der Schule die Lehrerfortbildung besuchen und beziehen erst danach ihr volles Gehalt. Bei einem Treffen versprachen uns die Verantwortlichen der Schulbehörden in den vier Bezirken um Andkhoi und alle Schulleiter, sich noch intensiver um Hilfe aus Maimana (Schulamt der Provinz) und Kabul (Bildungsministerium) zu bemühen und auch die einzelnen Schulen stärker zu unterstützen. Sie waren sehr dankbar für die gerade einge-weihte Jungenschule, die wir mit Hilfe von MISEREOR errichten konnten.
Kleinere Reparaturen werden jetzt schon von den Parents-Teacher-Associations (PTA) übernommen: Sie ersetzen Fensterscheiben, decken Dächer für den Winter mit einer neuen Lehmschicht, streichen Wände und flicken Mau-ern. Für manche Arbeiten baten sie uns um Hilfe für die Materialkosten. Große Reparaturen, wie die Erneuerung aller Fenster nach einem Termitenbefall, werden wir aber voll finanzieren müssen. In dem einen oder anderen Dorf sind auch Schulneubauten unbedingt nötig. In Galikhana etwa werden mehr als 400 Mädchen in 4 Klassenräumen unterrichtet, die sie selbst als Viehställe bezeichnen. Im Sommer sitzen sie unter den Bäumen. Während die Älte-sten in die 7. Klasse gehen, wurden gerade zwei neue 1. Klassen mit jeweils rund 50 Kindern registriert. Der sehr engagierte Schulleiter versprach, mit Hilfe des Dorfes eine Mauer um die zukünftige Schule zu bauen. Wir wollen versuchen, Geld für diese neue Schule zusammenzubekommen. Ähnlich ist es auch in einem weiteren Dorf. Auch dort wären alle Dorfbewohner sehr glücklich, wenn sie in den nächsten Jahren eine Schule bekämen und sie sichern ihre volle Unterstützung zu.
In einigen abgelegenen Gebieten, wo sich früher die jungen Mädchen hinter ihren Tüchern versteckten, erlebten wir in Schulen und Homeschools sehr aufgeschlossene und wissbegierige Mädchen, die von ihren Lehrern mehr Unter-richt, mehr Material und mehr Unterstützung forderten. Einige von ihnen können jetzt, nachdem die Straßen ausge-baut sind, ab der 10.Klasse das Teacher-Training-College in Andkhoi besuchen, um dort in fünf Jahren zur Lehre-rin ausgebildet zu werden. Ganz offensichtlich haben sie dafür die Unterstützung ihrer Väter – was vor ein paar Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Viele Mädchen, aber auch ihre Mütter und Tanten, kamen zum Frauentag am 8.10.2009 in unserem EC und genossen die vielen Möglichkeiten miteinander zu reden, zu spielen und Sport zu treiben. In einer sehr schön gestalteten Zeremonie erhielten danach Studentinnen der Homecourses, Computer- und Englischkurse ihre Abschlussdokumente.
Sehr viel Freude hatten wir in einem Dorf in Khancharbagh, wo wir 5 der 23 Familien besuchten, die an unserem ersten Hühnerprojekt teilnehmen. Nach ihrer theoretischen Ausbildung hatten sie jeweils 20 Hühner bekommen und für sie kleine Ställe aus Lehm gebaut. Die Frauen waren sehr glücklich, demnächst mit dem Verkauf von Eiern ein kleines Einkommen erzielen zu können. Weitere 100 Familien in verschiedenen Dörfern erhalten gerade ihre theoretische Ausbildung. Auch an diesem Tag hatten wir wieder vor Augen: Die Arbeit unseres Vereins lohnt sich, sie trägt Früchte, auch wenn es manchmal sehr langsam voran geht. Wir hoffen auf Ihre Unterstützung für weitere Projekte!
In Mazar-e-Sharif konnten wir an drei Tagen 4 Schulen besuchen: In der Mittelschule Chooghdak wurde das noch im Rohbau befindliche neue Stockwerk bereits von mehreren Klassen genutzt. In den Pausen drängten sich die Kinder um die Spielgeräte, die im Frühsommer aufgebaut wurden.
Der Schulleiter der fast fertigen Landwirtschaftsschule teilte uns begeistert mit, dass Behördenvertreter diese von uns gebaute und gut ausgestattete Schule mit dem neuen Internat für 80 Schüler besucht hätten. Sie waren sehr beeindruckt. Am Tag unseres Besuches hatte er gerade die offizielle Mitteilung erhalten, dass die Fachoberschule in ein Institut umgewandelt wird. Ab sofort können die Jungen – und das bisher einzige Mädchen – dort nach der 12. Klasse zwei weitere Jahre lernen. Danach können sie entweder direkt in der Landwirtschaft einen guten Job bekommen oder aber zwei weitere Jahre an der Universität studieren, ein großer Fortschritt für diese Schule und vor allem die Schüler.
Eine weitere Schule, Maqsadullah Shaheed, deren zweistöckiges Gebäude mit unserer Hilfe und dem Geld vom Auswärtigen Amt (AA) noch in diesem Jahr fertig werden soll, beeindruckte nicht nur uns, sondern auch den Ver-treter des AA und seinen begleitenden Kultur-Offizier! Insbesondere konnten wir eine junge Lehrerin in ihrer Chemieklasse sprechen, die ganz offen ihre Probleme im Unterricht ansprach und um ein gutes Labor für die neue Schule bat. Das wäre eine sehr gute Investition an dieser Schule, in der wirklich ausschließlich gut ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen arbeiten.
Der Vertreter des AA begleitete uns noch zur Nahr-e-Top Mädchenschule, die für ihre mehr als 3000 Schülerinnen und 60 Lehrerinnen dringend ein neues Gebäude braucht. Das Land dafür ist vorhanden und die Schulleiterin ver-sprach auch hier, mit Hilfe der Gemeinde eine Mauer um das 6.000 m² große Schulgelände zu errichten, bevor die Schule gebaut wird.
Für die vielen Projekte und neuen Schulen in Andkhoi werden wir in den nächsten Jahren noch sehr viel Geld be-nötigen. Auch wenn wir öffentliche Förderung erhalten, müssen wir meist 25 % der Kosten aus Spenden tragen. Wir verlassen uns dabei - wie immer - auf Ihre Unterstützung bei unserer Hilfe, die Schule macht!
Mit besten Grüßen
Marga Flader Tanja Khorrami
beste Grüsse