Reich zeigt hier sehr gut die tatsächliche Ursache vieler gesellschaftlicher Mißstände. Dieser Text stammt von 1933!
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Die emotionelle Pest
Der Ausdruck »emotionelle Pest« ist keine
diffamierende Bezeichnung. Er betrifft nicht bewußte Bösartigkeit,
moralische oder biologische Degeneration, Unmoralität oder ähnliches.
Ein Organismus, dem die Fähigkeit, sich natürlich fortzubewegen, von
der Geburt an dauernd unmöglich gemacht wurde, entwickelt künstliche
Formen der Fortbewegung. Er hinkt oder geht auf Krücken. Ebenso bewegt
sich ein Mensch mit den Mitteln der emotionellen Pest im Leben fort,
wenn ihm von Geburt an die natürlichen Lebensäußerungen der
Selbstregelung unterbunden wurden. Der emotionell Pestkranke hinkt
charakterlich. Die emotionelle Pest ist eine chronische Biopathie des
Organismus. Sie brach mit der ersten massenmäßigen Unterdrückung des
genitalen Liebeslebens in die menschliche Gesellschaft ein; sie wurde
zu einer Endemie, die die Erdbevölkerung seit Jahrtausenden peinigt. Es
ist nicht anzunehmen, daß die emotionelle Pest hereditär von Mutter auf
Kind übergreift. Sie wird, nach allem was wir wissen, im Kinde von den
ersten Lebenstagen an eingepflanzt. Sie ist eine endemische Krankheit,
wie die Schizophrenie oder der Krebs, mit dem Unterschiede, daß sie
sich wesentlich im sozialen Zusammenleben äußert. Schizophrenie und
Krebs sind Biopathien, die wir als Resultat des Wütens der
emotionellen Pest im sozialen Leben betrachten dürfen. Die Wirkungen
der emotionellen Pest sind im Organismus ebenso wie im sozialen Leben
aufzusuchen. Die Pest pflegt periodisch aus dem endemischen in den
epidemischen Zustand überzugehen, genauso wie irgendeine andere Seuche,
die Bubonenpest oder die Cholera. Die epidemischen Ausbrüche der
emotionellen Seuche äußern sich in umfassenden Riesendurchbrüchen von
Sadismus und Kriminalität kleinen und großen Stils. Die katholische
Inquisition des Mittelalters stellte einen derartigen epidemischen
Ausbruch dar, der internationale Faschismus des XX. Jahrhunderts einen
anderen.
Würden wir die emotionelle Pest nicht als eine
Krankheit im strengen Sinne des Wortes betrachten, dann gerieten wir in
Gefahr, den Polizeiknüppel statt Medizin und Erziehung gegen sie zu
mobilisieren. Es ist ein Wesenszug der Pest, daß sie den Polizeiknüppel
notwendig macht und derart sich selbst reproduziert. Trotz der
Bedrohung des Lebens, die sie darstellt, wird sie niemals mit dem
Polizeiknüppel bewältigt werden. Niemand wird sich beleidigt fühlen,
wenn man ihn als herzkrank oder als nervös bezeichnet. Niemand kann
sich beleidigt fühlen, wenn man von ihm sagt, daß er an einem »akuten
Pestanfall« leidet. Es ist in den Kreisen der Sexualökonomen üblich
geworden, von sich selbst zu sagen: »Heute ist mit mir nichts
anzufangen, denn ich bin pestig.« Anfälle der emotionellen Pest werden
in unseren Kreisen, wenn sie leichter Natur sind, dadurch bewältigt,
daß man sich isoliert und abwartet, bis der Anfall von Irrationalismus
vorübergeht. In schweren Fällen, wo rationales Denken und
freundschaftlicher Rat nicht helfen, räumt man vegetotherapeutisch
auf. Man überzeugt sich, daß solche akuten Pestanfälle regelmäßig durch
eine Störung des Liebeslebens hervorgerufen werden und verschwinden,
wenn die Störung beseitigt wird. Der akute Pestanfall ist mir selbst
und den Mitarbeitern des engeren Kreises ein so wohlvertrautes
Phänomen, daß wir ihn in Ruhe hinnehmen und sachlich bewältigen. Es ist
eine der wichtigsten Forderungen der Ausbildung der Vegetotherapeuten,
daß sie es lernen, akute Pestanfälle an sich selbst rechtzeitig
wahrzunehmen, sich in ihnen nicht zu verlieren, sie nicht in der
sozialen Umgebung Schaden anrichten zu lassen und mittels
intellektueller Distanzierung das Abklingen abzuwarten. In dieser Weise
gelingt es, schädliche Wirkungen in der Zusammenarbeit auf ein Minimum
zu beschränken. Es kommt natürlich gelegentlich vor, daß ein solcher
Pestanfall nicht bewältigt wird und der Betreffende größeren oder
geringeren Schaden anrichtet oder gar ausscheidet. Wir nehmen solche
Unfälle in ähnlicher Weise hin, wie man eine schwere körperliche
Erkrankung oder das Hinscheiden eines lieben Arbeitsgefährten
hinzunehmen pflegt.
Die emotionelle Pest steht der
Charakterneurose näher als etwa der organischen Herzkrankheit, aber sie
kann auf die Dauer zu Krebs oder Herzkrankheiten führen. Sie ist, wie
die Charakterneurose, von sekundären Trieben gespeist. Sie
unterscheidet sich von körperlichen Defekten dadurch, daß sie eine
Funktion des Charakters ist und als solche scharf verteidigt wird. Der
Pestanfall wird nicht wie ein hysterischer Anfall als ich-fremd und
krank empfunden. Ist schon das charakterneurotische Verhalten
gewöhnlich glänzend rationalisiert, so gilt das in noch weit höherem
Grade für die emotionelle Pestreaktion: Die Uneinsichtigkeit ist weit
größer. Man wird fragen, woran wir denn eine Pestreaktion erkennen und
und von einer rationalen Reaktion unterscheiden. Die Antwort ist
dieselbe, die für die Unterscheidung einer neurotischen
Charakterreaktion von einer rationalen Reaktion gilt: Sobald an die
Wurzeln oder Motive der pestkranken Reaktion gerührt wird, tritt
unweigerlich Angst oder Wut auf. Das wollen wir nun genauer ausführen:
Ein
im wesentlichen pestfreier, orgastisch potenter Mensch entwickelt nicht
Angst, sondern im Gegenteil lebhaftes Interesse, wenn etwa ein Arzt
die Dynamik natürlicher Lebensvorgänge bespricht. Der emotionell
Pestkranke dagegen wird in Unruhe oder in Wut geraten, wenn von den
Mechanismen der emotionellen Pest die Rede ist. Nicht jede orgastische
Impotenz führt zu emotioneller Pest, aber jeder emotionelle
Pestkranke ist entweder dauernd orgastisch impotent oder er wird es
kurz vor dem Anfall. Daran läßt sich die Pestreaktion von rationalen
Reaktionen leicht unterscheiden. Weiter: Ein natürlich gesundes
Verhalten kann durch keinerlei Eingriffe echter Heilkunst gestört oder
beseitigt werden. Es gibt zum Beispiel kein Mittel rationaler Art, ein
glückliches Liebesverhältnis zu »heilen«, also zu stören. Aber man kann
ein neurotisches Symptom beseitigen; ebenso erkennt man eine
Pestreaktion daran, daß sie echter charakteranalytischer Heilkunst
zugänglich ist und behoben werden kann. Man kann also etwa Geldgier,
einen typischen Charakterzug der emotionellen Pest, aber man kann nicht
geldliche Freigebigkeit heilen. Man kann hinterhältige Schlauheit, man
kann nicht charakterliche Offenheit heilen. Die emotionelle
Pestreaktion ist klinisch der Impotenz vergleichbar, die man
beseitigen, also heilen kann. Dagegen ist genitale Potenz »unheilbar«.
Ein
wesentlicher Grundzug der emotionellen Pestreaktion ist, daß Handlung
und Begründung der Handlung einander niemals decken. Das wirkliche
Motiv ist verdeckt, und ein scheinbares Motiv ist der Handlung
vorgeschoben. In der natürlich gesunden Charakterreaktion fallen Motiv,
Handlung und Ziel in eine organische Einheit zusammen; nichts daran ist
verhüllt. Sie ist unmittelbar verständlich. Zum Beispiel: Der Gesunde
hat für seine Sexualhandlungen keine andere Begründung als sein
natürliches Liebesbedürfnis und als Ziel dessen Befriedigung. Der
asketische Pestkranke dagegen begründet seine sexuelle Schwäche
sekundär mit ethischen Forderungen. Diese Begründung hat nichts mit der
Lebenshaltung zu tun. Die Lebenshaltung der lebensverneinenden Askese
ist vor der Begründung da. Der Gesunde wird seine Lebensart niemandem
aufzwingen wollen; aber er wird heilen und helfen, wenn er um Hilfe
ersucht wird und wenn er es leisten kann. Auf keinen Fall wird ein
Gesunder dekretieren, daß alle Menschen »gesund zu sein haben«.
Erstens wäre ein solches Diktat nicht rational, denn Gesundheit kann
nicht anbefohlen werden; zweitens hat der Gesunde gar keinen Drang,
seine Lebenshaltung anderen aufzudrängen, da seine Motive der
Lebensführung mit seinen eigenen und nicht mit fremden
Lebensführungen verknüpft sind. Der emotionell Pestkranke
unterscheidet sich nun vom Gesunden dadurch, daß er seine
Lebensforderung nicht nur an sich, sondern vor allem an seine Umwelt
richtet. Wo der Gesunde rät und hilft, wo er mit seinen Erfahrungen
einfach anderen voranlebt und es ihnen überläßt, ob sie ihn zum
Beispiel nehmen wollen oder nicht, dort zwingt der Pestkranke seine
Lebensart anderen mit Gewalt auf. Pestkranke dulden Anschauungen
nicht. Der Gesunde empfindet nur Freude, wenn er von den Motiven seiner
Handlungen hört. Der Pestkranke gerät dabei in Raserei. Der Gesunde
kämpft dort, wo andersartige Lebensanschauungen Leben und Arbeit
stören, in rationaler Weise scharf für die Erhaltung seiner
Lebensweise. Der Pestkranke kämpft gegen andere Lebensarten auch dort
an, wo sie ihn gar nicht berühren. Das Motiv seines Kampfes ist die
Provokation, die andere Lebensweisen durch ihre bloße Existenz
darstellen. Die Energie, die die emotionellen Pestreaktionen speist,
entstammt regelmäßig unbefriedigbarem Lusthunger, gleichgültig, ob es
sich nun um sadistische Kriegstaten oder um Diffamierung von Freunden
handelt. Die gestaute Sexualenergie hat der Pestkranke mit allen
anderen Biopathien gemeinsam. Auf die Unterschiede werde ich sofort zu
sprechen kommen. Der biopathische Grundcharakter der emotionellen Pest
kommt darin zum Ausdruck, daß sie wie jede andere Biopathie durch
Herstellung der natürlichen Liebesfähigkeit geheilt werden kann.
nenn mich EO
zu Ende denken
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